Pro und contra: Kann die Sozialphilosophie auf ideal-normative Prinzipien verzichten?

Pro: Maria-Sibylla Lotter

Unter Sozialphilosophie verstehe ich die philosophische Untersuchung der Probleme, die aus den sozialen Verhältnissen für das Individuum und die Gesellschaft entspringen. Daraus ergibt sich auch schon eine erste Antwort auf die Frage: Wenn man es überhaupt für sinnvoll hält, solche Probleme philosophisch zu durchdenken und nicht nur empirisch zu untersuchen – und das scheint mir nicht strittig –, benötigt man normative Maßstäbe, um Probleme eines bestimmten Typs zu diagnostizieren und zu bemessen. Im Aristotelismus war das bekanntlich die Idee des gelingenden Lebens, bei Platon die Gerechtigkeit, im Funktionalismus der Maßstab des reibungslosen Funktionierens der gesamtgesellschaftlichen Ordnung, bei Axel Honneth ist es die Selbstverwirklichung des Individuums, deren Mangel sich in „Pathologien des Sozialen“ ausdrückt.
Betrachtet man jedoch allein schon die Unterschiedlichkeit dieser Prinzipien, die die Aufmerksamkeit auf jeweils andere, sich kaum überschneidende Typen von Problemen lenken, wird auch deutlich, dass die sozialphilosophische Ausrichtung an jeweils speziellen ideal-normativen Prinzipien es nicht nur ermöglicht, bestimmte Probleme zu diagnostizieren, sondern (insofern sie vom jeweiligen Prinzip nicht erfassbar sind) damit auch andere Probleme ausblendet und im schlechten Fall – wenn sie mit Totalitätsansprüchen verbunden ist – die Existenz dieser Probleme bestreitet. Sozialphilosophie ist daher nicht nur erkenntnisfördernd, sondern auch erkenntnisverhindernd – sie kann dazu verhelfen, dass man mehr von der sozialen Welt versteht, aber auch, dass man in der Versteifung auf bestimmte Grundmodelle und Muster immer weniger von ihr wahrnimmt.
Daher stellt sich zwar nicht die Frage, ob die Sozialphilosophie ganz auf ideal-normative Prinzipien verzichten kann, sondern die Frage, inwieweit sie fähig ist, den Gehalt sowie die Reichweite und Relevanz ihrer Prinzipien für die soziale Welt kritisch zu reflektieren, anstatt vorschnell Universalitätsansprüche zu erheben, die mehr dem Geltungsbedürfnis der Theorie bzw. der Theoretiker als einer sachorientierten Neugierde entspringen. Mit Blick auf den Gehalt bedeutet dies, dass die Ideale nicht nur Leerformeln sein dürfen, die je nach Bedarf mit einem beliebigen Inhalt gefüllt werden können; es muss irgendwie feststellbar sein, ob sie realisiert sind oder nicht. Dieser Realitätsbezug ist nicht schon durch die häufige sprachliche Verwendung gegeben. Manchmal schlagen philosophische Begrifflichkeiten Wurzeln in der außerakademischen Welt, sie werden „in“, sodass es der Anschein entsteht, als bezögen sie sich auf erfahrbare Phänomene des Alltagslebens, etwa wenn Bewerber bei angesehenen Londoner Banken im Personalgespräch gefragt werden, ob sie glauben, sich in dieser Bank „selbst verwirklichen“ zu können. Dass es gar nicht möglich ist, in einer solchen Situation zu lügen (im Unterschied etwa zu einer Frage nach einer Schwangerschaft), lässt es jedoch fraglich erscheinen, ob das Prinzip der Selbstverwirklichung gehaltvoll genug zur Diagnose „sozialer Pathologien“ sein kann. Mit Blick auf die Reichweite und die Relevanz der Prinzipien wäre eine Sozialphilosophie zu wünschen, die sich für eine von den ideal-normativen Prinzipien unabhängige Empirie zu öffnet – konkret: für die Befunde der Ethnologie, der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, Psychologie und Ökonomie – und aus ihr Impulse zur kritischen Reflektion der eigenen Maßstäbe gewinnt. Solche selbstkritischen und empirischen Perspektiven sind der in Deutschland derzeit dominanten Sozialphilosophie der Frankfurter Schule erfreulicherweise nicht mehr ganz fremd.

Maria-Sibylla Lotter vertritt derzeit den Lehrstuhl für Ethik und Ästhetik am Institut für Philosophie I der Universität Bochum.

Contra: Mirko Wischke

Die gegenwärtige Form der Sozialphilosophie ist durch eine klare Ausrichtung an idealen normativen Prinzipien gekennzeichnet. Kritiker wie Axel Honneth, der von einer „Fixierung auf rein normative Prinzipien“ spricht, sehen darin eine Verengung. Es ist jedoch unklar, welche systematischen Leitideen an die Stelle normativer Prinzipien treten könnten. Vor allem aber übersieht der Vorwurf der Verengung, dass die normative Ausrichtung das Resultat einer kontroversen Klärung des Selbstverständnisses zu Beginn der modernen Sozialphilosophie ist, das sich im Umkreis des Neukantianismus zu profilieren beginnt und die beginnende Rezeption von Hegels Rechtsphilosophie als ‚Socialphilosophie‘ prägt. Als Theorie und Kritik des ‚sozialen Lebens‘ untersucht die Sozialphilosophie gesellschaftliche Entwicklungen mit Blick auf Gerechtigkeitsfragen, um Reformideen zu initiieren.
Zu dieser Ausrichtung gab es von Beginn an gegenläufige Bestrebungen, zu denen Georg Simmel und Ferdinand Tönnies früh wichtige Impulsgeber waren. Was das neukantianische Theorieprojekt einer Sozialphilosophie für Simmel prinzipiell kritikanfällig macht, ist ihre soziale Ambition, die in der normativen Ausrichtung auf das „Ideal einer Gemeinschaft freier Menschen“ (Rudolf Stammler) zum Ausdruck kam.
Den zweiten prinzipiellen Einwand prägt Ferdinand Tönnies in seiner Eröffnungsrede auf der Gründungstagung der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“. Diese Rede ist ein Aufruf zu einer programmatischen Neuausrichtung der Sozialphilosophie jenseits von normativen Prinzipien: Sozialphilosophie ist laut Tönnies im Rahmen der theoretischen, nicht der praktischen Philosophie zu verorten. Die praktische Relevanz der Sozialphilosophie ergebe sich nicht aus der Privilegierung normativer Annahmen über die politisch-ethischen Grundlagen des ‚sozialen Lebens‘; die Sozialphilosophie sei kein Applikationsfeld allgemeiner ethischer Grundsätze, sondern habe bereits entwickelte soziale Verhältnisse, in denen konkrete Formen von Normativität vorliegen, zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand. Den Unterschied zur Soziologie vermag Tönnies damit letztlich ebenso wenig deutlich zu machen wie Simmel. Auch für neuere Versuche ist die ungeklärte Nähe zur Soziologie ein Problem.
Die Vorstellung einer Emanzipation von normativen Engführungen hat sich auf lange Sicht nicht nur nicht durchsetzen können, sondern ist in einer gewandelten, neuartigen Konstellation zugunsten normativer Fragestellungen völlig in den Hintergrund getreten. In der Sozialphilosophie erfreuen sich normative Fragen insbesondere der Politischen Philosophie einer fast ungebrochen anmutenden Monopolstellung. Die normative Perspektive, in der theoriegeschichtliche wie aktuelle Probleme und Fragen in gegenwärtigen Diskussionszusammenhängen fokussiert werden, ist für die Tradition der Sozialphilosophie charakteristisch.
Ich teile nicht die Ansicht, dass diese Ausrichtung eine der „größten Beschränkungen“ (Axel Honneth) ist. Denn die Frage ist, welche konzeptionellen Leitideen von Sozialphilosophie jenseits normativer Grundfragen vorstellbar wären. Dass sich theoretische Prämissen herausbilden konnten, die einem sozialphilosophischen Selbstverständnis jenseits normativer Leitideen keine Überzeugungskraft beimessen, ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Simmel wie Tönnies zunächst keine wirkungsgeschichtliche Resonanz beschieden war, sondern auch darauf, dass ihre Vorstellung einer nicht-normativen Sozialphilosophie keine konzeptionell prägenden Konturen herausbildete. Daran hat sich bis heute im deutschsprachigen Raum wenig geändert. Der Trend zu normativen Aspekten wird durch die Rezeption angelsächsischer Autoren eher verstärkt denn abgedämpft.

Mirko Wischke vertritt derzeit eine Professur für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

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