Pro und Contra: Ist Philosophie eine spirituelle Praxis?

Pro: Ursula Baatz

Credit: lukas beck/edition a

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Philosophieren ist ein Prozess des Fragens, Unterscheidens, Begründens, Verwerfens; des Fassens und Beurteilens von Gedanken, ein nie abzuschließender und immer fragmentarisch bleibender Prozess, da sich dem Denken immer neue Wege, Perspektiven und Aussichten eröffnen. Spirituelle Praxis unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von der Praxis des Philosophierens. Historisch könnte man das Verhältnis von „spiritualitas“ im Gegensatz zu „corporalitas“ und „materialitas“ mit Gewinn diskutieren. Die zeitgenössische Verwendung des Wortes ist jedoch anders: Heute spricht man nicht nur über verschiedene Formen von christlicher, buddhistischer, islamischer etc. Spiritualität, sondern auch von „ökologischer“ oder „atheistischer Spiritualität“ und meint damit nicht abstrakte Lehren, sondern Lebensweisen, die aus bestimmten Weltbildern resultieren. Es kann zwar auch um das Verhältnis von „materialitas“ und „spiritualitas“ gehen, doch vor allem werden unter der Überschrift „Spiritualität“ ethische Fragen diskutiert, die existenzielle Themen wie Liebe, Krankheit, Sterben betreffen, aber auch die Frage, wie man mit den Anforderungen des Alltags zurechtkommen oder gute Beziehungen leben kann. Spiritualität im zeitgenössischen Sinn kann man mit Susan Sontag verstehen als „Pläne, Terminologien, mögliche Haltungen, welche darauf zielen, die der conditio humana inhärenten schmerzlichen strukturellen Widersprüche zu lösen, zu einer Vervollkommnung des menschlichen Bewusstseins, zur Transzendenz zu gelangen“ (in: Die Ästhetik des Schweigens). Die Antworten auf die Endlichkeit menschlicher Existenz artikulieren sich in Symbolsystemen, deren Stimmungen und Handlungsmotivationen ihnen eine „Aura von Faktizität“ (Clifford Geertz) geben. Spirituelle Praxis bewegt sich fragend und reflektierend in diesen Symbolsystemen. Dort, wo es ein Fragen und Reflektieren ist, das die eigenen Voraussetzungen offenlegt und offenhält, ist spirituelle Praxis Philosophieren und umgekehrt. Doch das Sprechen ist unterschiedlich: Philosophie geht auf Distanz und konstitutiert Ferne. Spiritueller Praxis geht es um eine Intimität, die Sprache kennt und braucht, aber nicht in ihr aufgeht.

Vermutlich würden Platon, Aristoteles und die meisten antiken Philosophen nicht zwischen spiritueller Praxis und Philosophieren unterscheiden. Für Aristoteles (NE 1141 a 19) verband Weisheit Intuition, d.h. Einsicht in die Ursprünge (τὰ ἐκ τῶν ἀρχῶν εἰδέναι) und Diskursivität (περὶ τὰς ἀρχὰς ἀληθεύειν). Ein anderes Beispiel: die radikale Skepsis des indischen Philosophen Nagarjuna ist spirituelle Praxis und/oder Philosophieren – je nach Motivation und Perspektive. Die Welterklärungssysteme, die den Alltag in der Industrie- und Informationsgesellschaft regulieren, verlangen im Unterschied zur Antike eine Trennung von Diskursivität und Intuition. Das engt das Feld gesellschaftlicher Reflexionsfähigkeit ein und begünstigt Totalitarismen, die als „Spiritualität“ auftreten. Interkulturelles, polyloges Philosophieren z.B. könnte diese Abspaltung und Trennung hinterfragen und Modelle der Reflexion von Symbolsystemen zeigen, die spirituelle Praxis und philosophische Argumente verbinden.

Ursula Baatz ist Autorin und Wissenschaftsjournalistin sowie Mitherausgeberin von „Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren.

Contra: Thomas Schmidt

Foto Schmidt 2

Philosophieren ist keine spirituelle Praxis. Auch wenn es in Ziel und Methode durchaus Parallelen geben mag, besteht doch keine Identität zwischen beidem.

Philosophie ist eine mit Mitteln der Wissenschaft betriebene Suche nach Weisheit. Das Streben nach Weisheit gibt der Philosophie ein Gesicht, das aus der Ferne jenem spiritueller Praxis ähnelt. Philosophie besitzt ohne Zweifel ein unverzichtbar existentielles Moment. Sie zielt nicht nur auf Wissen, sondern auch auf Selbstvergewisserung und Weltdeutung, das heißt auf vertiefte, bewusstere Lebensführung. Von der Philosophie wird mit Recht erwartet, dass sie uns nicht nur Aufklärung über die Verhältnisse liefert, in denen wir leben, sondern sie soll, nach einer traditionellen Bestimmung, „ars moriendi“ sein: Sie soll uns befähigen, das Leben, das wir leben, intensiver zu erleben und bewusster zu gestalten. Gibt sie dieses Ziel auf, verliert sie ihre Berechtigung in Gesellschaft und Kultur. Im Ziel des Strebens nach einem vertieften und bewussten Leben aus letzten Gründen stimmt Philosophie mit den spirituellen Praktiken und großen religiösen Weisheitslehren also überein. Auch in ihren Methoden erinnert sie durchaus an spirituelle Praxis oder besser, erinnert spirituelle Praxis an Philosophie. Denn seriöse Spiritualität erfordert wie die Wissenschaft Disziplin, Ausdauer, Distinktion, Abstraktionsvermögen und Frustrationstoleranz.

Der entscheidende Unterschied zwischen Philosophie und spiritueller Praxis besteht nun darin, dass Spiritualität zwar „an sich“ vernünftig und regelgeleitet sein mag, nicht aber aus Vernunft als ihrer letzten und einzigen Autorität gestaltet wird. Zwar bedient sich spirituelle Praxis oft vernünftiger Methoden und Techniken. Auch in ihrer Zielsetzung ist spirituelle Praxis vernünftig, da sie auf die Bildung weisheitlicher Haltungen gerichtet ist, nach denen auch die Philosophie strebt. Spirituelle Praxis handelt aber nicht aus Vernunft. Sie schöpft ihre Einsichten aus Quellen, die sich als außer- oder übervernünftig verstehen, aus dem Transzendenten, Göttlichen, Jenseitigem, Geheimnisvollen, aus den Tiefen des Anderen der Vernunft – dem klassischen Bereich der Religiosität. Kappt Spiritualität den Bezug zur Religion nicht, dann lebt spirituelle Praxis aus Quellen der Orientierung, die sich einer vernünftigen Begründung in letzter Konsequenz entziehen. Wird unter Spiritualität aber, wie so häufig, eine allgemeine, freischwebende Praxis verstanden ohne expliziten Bezug zu religiösen Inhalten und theologischen Lehren, dann drohen die Grenzen zum Esoterischen und Okkulten zu verschwimmen.

Authentische Spiritualität und philosophische Reflexion gehen also Hand in Hand, sind aber klar unterschieden: Indem Philosophie an den Unterschied zwischen Glauben und Wissen, Erfahrung und Reflexion erinnert, kann Spiritualität klar konturiert und bestimmt bleiben. Eine von dort aus verstandene spirituelle Praxis wiederum ergänzt die philosophische Reflexion um ein Überschreiten rein wissenschaftlicher Praxis. Philosophie und Spiritualität sind wertvolle, nicht gegeneinander ausspielbare Quellen einer letzten Orientierung bewussten menschlichen Lebens.

Thomas Schmidt ist Professor für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt.

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