InDebate: Dem König das Gesicht zeigen. Über Rousseau und die Politik der Authentizität

Paul Stephan

In den Bekenntnissen, seiner großen epochemachenden Autobiographie, berichtet Rousseau ein bemerkenswertes Ereignis. Seine Oper Der Wahrsager soll am Hof des Königs uraufgeführt werden, er selbst ist zu ihrer Premiere eingeladen. Rousseau erinnert sich:

„Ich war an diesem Tag im gleichen nachlässigen Aufzug wie gewöhnlich mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke. Ich nahm diesen Mangel an Anstand für einen Akt des Muts und betrat so den gleichen Saal, in dem sich etwas später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge nieder […]. Es war eine große Proszeniumsloge, gegenüber einer kleinen, höher gelegenen Loge, wo der König mit Frau von Pompadour seinen Platz nahm. Von Damen umgeben und als einziger Mann im Vordergrund der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich gerade dorthin gesetzt hatte, damit man mich sehen könnte. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter in diesem Aufzug erblickte, inmitten all der übermäßig geputzten Leute, begann ich mich unbehaglich zu fühlen. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze sei, ob ich ihn schicklich einnähme, und nach einigen Minuten der Unruhe antwortete ich mit einer Dreistigkeit: Ja! die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Kraft meiner Gründe kam. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, da ich mein Stück spielen sehe, da ich dazu eingeladen bin, da ich es nur dazu verfaßt habe und nach all dem niemand mehr Recht hat als ich, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen. Ich bin gekleidet wie gewöhnlich, nicht besser und nicht schlechter.“[1]

Hervorzuheben ist, dass der von Rousseau befürchtete Skandal ausbleibt: Er wird vom König und vom restlichen Hof freundlich behandelt, seine Oper ist ein großer Erfolg. Er soll sogar eine Rente vom König erhalten, die er jedoch aus derselben Sorge um seine Unabhängigkeit, die hier anklingt, ausschlägt.

Rousseau gibt sich in dieser Stelle nicht einfach nur nach außen authentisch. Authentisch ist vor allem sein hier inszeniertes Selbstverhältnis: Er entzieht sich dem Dialog mit seiner sozialen Umgebung und tritt stattdessen in den inneren mit sich selbst. Er führt in dieser Szene mithin im Kleinen die Grundstruktur des Buches als ganzem vor: Er akzeptiert nicht das Urteil, das seine Zeitgenossen über ihn fällen; er akzeptiert nur sein eigenes Urteil über sich, zu dem er kommt, indem er sich selbst sein eigenes Leben erzählt.

Vielen im späten 18. Jahrhundert galt die höfische Mode als Sinnbild der allgemeinen kulturellen Missstände der Zeit. Rousseau selbst beschreibt etwa im 21. Brief des zweiten Teils des Briefromans Julie ou la Nouvelle Héloïse – einem der Bestseller der Epoche – Paris als eine große Modenschau, in der jeder und jede (natürlich vor allem letztere) darum buhlt, die elegantesten Gewänder zu tragen. Es ist eine Welt der Äußerlichkeit, an der Rousseau vor allem kritisiert, dass sie die Frauen zu Quasi-Prostituierten macht, deren Kleidung vor allem dazu dient, ihre Körperlichkeit zur Schau zu stellen. Es gibt in dieser ganz unter dem Diktat der Mode stehenden Welt keine echte Individualität, keine Innerlichkeit und keine tiefen emotionalen Bindungen, alles wird tendenziell nivelliert. Rousseau heißt allerdings gut, dass die Frauen in der kosmopolitanen Welt sich auch sehr frei bilden können und erblickt darin ein Potential für einen Wandel zum Besseren. Bildung ist für Rousseau nämlich wesentlich Herzensbildung, eine Steigerung der moralischen Empfindsamkeit. Wenn es den Männern gelingt, sich nicht von den Reizen jener Frauen verführen zu lassen, können sie in ihnen aufgrund ihrer Bildung bessere Freundinnen finden als in den Frauen vom Land, da sie Gesprächspartner auf Augenhöhe sind und von einer hohen Moralität. Rousseau ist also in einer Zeit, in der es noch common sense war, Frauen das Recht auf Bildung zu verwehren und sie auf ihre Rolle als dekorative Modepuppen und Unterhalterinnen zu verweisen (wie es etwa noch Kant tat), als mutiger Vorkämpfer des Feminismus zu sehen. Nur wenige Jahre nach seinem Tod nahmen die Pariserinnen seinen Aufruf an sie, an der Verbesserung der sozialen Lage mitzuwirken, ernst und engagierten sich maßgeblich in der Revolution.

Auch was die Männermode angeht, entsprachen Rousseaus Gedanken dem Geist der Zeit. Insbesondere die weit verbreitete Sitte, eine Perücke zu tragen, wurde schon damals immer mehr zum Anlass für Gespött. Schiller etwa gilt sie neben Korsett und Reifröcken in Über Anmut und Würde als das Mittel der Wahl, um sich eine falsche Würde anzueignen, die in Wahrheit einfach nur lächerlich und künstlich ist. Ein gewisser Jacques-Antoine Dulaure verfasst 1786 ein Werk namens Pogonologie, ou histoire philosophique de la barbe, wo er – explizit Rousseau zitierend – die Bartlosigkeit seiner Zeit als Signum des allgemeinen politischen und kulturellen Niedergangs bezeichnet und für eine Rückkehr der Bärte plädiert. Ein entsprechendes Pamphlet – möglicherweise aus seiner Feder – kursierte angeblich beim Sturm auf die Bastille. Dulaure selbst schloss sich den Jakobinern an und war u. a. Mitglied im Nationalkonvent und im Rat der Fünfhundert.

Wir sehen also, dass es sich bei jener auf den ersten Blick unscheinbaren Szene am Hof Ludwigs XV. um eine genuin politische Szene handelt, in der symbolisch ein neues Zeitalter eingeleitet wird: Der Bürger Rousseau – der sich selbstbewusst über sein geistiges Eigentum definiert, das er aufgrund eigener Leistung als selfmade man geschaffen habe – trotzt dem Blick des Königs und beansprucht das Recht, sich gemäß eigenem Gusto zu kleiden. Maßstäbe der Kleidung sollen Bequemlichkeit, Sauberkeit und Natürlichkeit sein, nicht mehr eitles Repräsentieren um des Gefallens und Auffallens willen. Damit ist in Frage gestellt, dass es überhaupt eine Instanz geben soll, die den Einzelnen ihr Verhalten vorzuschreiben hat. In einem Wort: Allein nach der unverstellten Vernunft soll man sich richten, und die betreffend ist jeder Einzelne sein eigener Richter, da gibt es keine Autorität.

Man weiß, dass das Experiment, Rousseaus radikale Ideen in die politische Praxis umzusetzen, in gewissem Sinne scheiterte und zu Konsequenzen führte, vor denen es den feinfühligen Kritikern jedweder Tyrannei sicherlich zuerst gegraust hätte. Doch in gewissem Sinne war es auch erfolgreich: Rousseaus Ideen, allen voran das Ideal der Authentizität, sind nicht mehr aus der Welt zu kriegen und bestimmen seit mehr als 200 Jahren unsere Kultur. Zugleich ist aber auch seine Kritik des unauthentischen Lebens von Paris sehr aktuell: Zwar gibt es keinen König mehr, vor dem man sich für sein Erscheinungsbild zu rechtfertigen hätte, doch die imaginäre Macht der Göttin Mode ist weiterhin ungebrochen, Kleidung dient nach wie vor nicht zuletzt dazu, soziale Unterscheide zu betonen und sich selbst am Markt feilzubieten (sei es am Beziehungsmarkt oder am Arbeitsmarkt). Die damit einhergehende Nivellierung ist ein Fortschritt, insofern sie neue Möglichkeiten der Bildung entwickelt und alte starre Hierarchien in Frage stellt; sie ist aber auch ein Rückschritt, insofern sie die Menschen verroht und oberflächlich macht. Genau diese Ambivalenz festgehalten und Grundzüge einer Kultur der Individualität skizziert zu haben, die aus der modernen Nivellierung heraus eine neue Kultur der Herzensbildung und Empfindsamkeit gebiert, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt (heute würde man vielleicht mit Hartmut Rosa von Resonanz sprechen – oder eben von Authentizität), ist Rousseaus bleibender Verdienst.[2]

© Paul Stephan

Paul Stephan M.A., wohnhaft in Leipzig, Initiator der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie, hat Philosophie, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main und Dublin studiert. Er forscht schwerpunktmäßig zur Philosophie des 19. Jahrhunderts im Kontext ihrer Rezeption im 20. und 21. Seine von Andreas Urs Sommer und Hartmut Rosa betreute Promotion an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg widmet sich dem Konzept der Authentizität bei Kierkegaard, Stirner und Nietzsche. 2017 gewann er der den 2. Preis des Essaywettbewerbs des FIPH für eine Arbeit zu Trump, Nietzsche und der Digitalisierung.

[1] Die Bekenntnisse / Die Träumereien eines einsamen Spaziergängers. München 1978, S. 372 f.
[2] Vgl. zur Aktualität Rousseaus auch den sehr lesenswerten Artikel How Rousseau Predicted Trump. The Enlightenment philosopher’s attack on cosmopolitan élites now seems prophetic von Pankaj Mishra (Link: https://www.newyorker.com/magazine/2016/08/01/how-rousseau-predicted-trump?fbclid=IwAR1ABIkunYm5Hz61Sc8-ubCmJqt5Cf31y2tthrKPGKAFNdtBLbjiqqrVmqA).

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