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Wider die Realpolitik!

Veröffentlicht am 22. April 2013

Immer mehr Menschen, vor allem jungen Menschen, kommt Möglichkeitssinn abhanden. Sie leiden an einem Realitätssinn, der Erwartungen verkleinert und Visionen abschafft. Kommt der Sinn für Möglichkeit abhanden, dann besteht die Gefahr, dass sich Resignation, Ressentiment und Zynismus ausbreiten. Diese Tendenz wird durch ein politisches Handeln verstärkt, das sich als Realpolitik begreift. Realpolitiker torpedieren jede Vorstellung einer anderen Gesellschaft und einer anderen Welt mit dem Hinweis darauf, dass Politik nichts anderes sei als Realpolitik. Dabei verstehen sie unter Realpolitik eine Kunst des Möglichen, die Möglichkeiten im Rahmen bestimmter Sachzwänge und Wirklichkeiten zu nutzen versucht. Ein solches politisches Handeln erschöpft sich jedoch letztlich in der Aufrechterhaltung des Status quo und lässt viele Möglichkeiten ungenutzt.
Wer von Realpolitik spricht, der behauptet, ein genaues Verständnis davon zu besitzen, was „Realität“ und was „Wirklichkeit“ ist. Wer aber weiß schon, was Realität ist, was in der Realität möglich ist und was nicht? Ja, wie können wir überhaupt herausfinden, was unsere Wirklichkeit an Möglichkeiten bereitstellt? Wer tatsächlich das Mögliche Wirklichkeit wer¬den lassen möchte, der muss immer auch das Unmögliche wün¬schen. Das Unmögliche ist nämlich nicht das Gegenteil des Möglichen, sondern vielmehr dessen Bedingung.
Die sogenannte Realpolitik zerstört Möglichkeitssinn. Politik will Ordnung garantieren, während Möglichkeit für Störungen der Politik steht, da Ordnungsverhältnisse durch sie destabilisiert werden. Gefordert ist eine Politik als Kunst des Unmöglichen, denn sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine Politik als Kunst des Möglichen möglich wird.
Die politische Philosophie hat die Aufgabe, die Rückkehr der Möglichkeit ins Feld politischer Praxis zu denken. Dazu liegen erste philosophische Ansätze, zumeist postmarxistischer Provenienz (J. Rancière, S. Žižek usw.) vor. Diese stehen allerdings wiederum in der Gefahr, das Unmögliche vom Möglichen zu trennen. An der Zeit ist eine dialektische Verschränkung, die die Weigerung enthält, an den tiefen Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen vorbei zu philosophieren.

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2 Kommentare

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