Pro und contra: War Kant Anti-Judaist?

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Pro: Eva Bucher

War Kant Anti-Judaist? Darauf kann man philosophisch antworten, also nicht biographistisch, sondern systematisch. Denn es ist möglich zu fragen, ob der Autor Immanuel Kant in seinen philosophischen, insbesondere seinen religionsphilosophischen Werken auf systematischer Ebene antijudaistisch argumentiert hat. Und dazu muss man sagen: Ja, das hat er.

Diese antijudaistische Bewertung des Judentums geschieht nicht in kontingenter Abwertung einzelner Inhalte oder Lehren des Judentums, sondern als systematische Konsequenz der gesinnungsethischen Rekonzeptualisierung von „Religion“ als „Vernunftreligion“. Damit geschieht diese Abwertung an zentraler Stelle von Kants Religionsphilosophie. Im Streit der Fakultäten von 1798 schreibt Kant:

„Der jüdische Glaube ist, seiner ursprünglichen Einrichtung nach, ein Inbegriff bloß statutarischer Gesetze, auf welchem eine Staatsverfassung gegründet war; denn welche moralische Zusätze entweder damals schon, oder auch in der Folge ihm angehängt worden sind, die sind schlechterdings nicht zum Judenthum, als einem solchen, gehörig.“

Da das Judentum, so Kant, statt „wahrer Religionsgesinnung“ bloß „Cultus“ pflege, sei es wie ein „Kleid ohne Mann“, es sei bloß Hülle ohne lebendigen Gehalt. Dieser Beschreibung des „jüdischen Glaubens“ als „Inbegriff statutarischer Gesetze“ steht Kants Beschreibung des Christentums gegenüber: Unter den vielen sogenannten historischen Glaubensarten ist mit Blick auf die eine Vernunftreligion, wie Kant in der Streitschrift formuliert, das Christentum „so viel wir wissen, die schicklichste Form“. Stärker noch als dem aus Kants Perspektive bereits stark von Aberglaube und „Statutarischem“ durchsetzen Christentum, fehle dagegen dem Judentum „die Religion“ gänzlich.

Um zu verstehen, wie Kant zu dieser Einschätzung gelangt, muss man seinen Religionsbegriff erläutern. In seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft aus den frühen 1790er Jahren erklärt Kant: „Religion ist (subjektiv betrachtet) das Erkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote.“ Für Kant liegt das entscheidende Kriterium der philosophischen Satisfaktionsfähigkeit aufgeklärter Religion in ihrer gesinnungsethischen Reinterpretation: Ein Philosophem, das sich der kritischen Auseinandersetzung mit den theologischen Begriffen des Protestantismus verdankt und welches umgekehrt, auch als Produkt dieser Genese, den Protestantismus normativ privilegiert. Das protestantische Christentum kommt unter den historischen Glaubensarten der Vernunftreligion am nächsten, so Kant.

Die Ausprägung einer spezifischen Form jüdischer religiöser Rationalität, nämlich dessen, was heute als Orthopraxis bezeichnet wird, wird so zu Defizienz abgewertet und steht darin zentral in antijudaistischer, christlicher Tradition. Diese antijudaistische Interpretationstradition des Judentums denunziert auf dualistische Weise die religiöse Orthopraxis und religiöse Observanz jüdischer Gesetze als hohle, äußerliche Geste gegenüber dem Handeln aus christlicher Nächstenliebe und innerlicher religiöser Gesinnung.

Jürgen Habermas hat Kants Religionsphilosophie treffend als Projekt der „rettenden Aneignung“ bezeichnet. Gerade im aufklärerisch-kritischen Versuch der ethischen Reformulierung und Universalisierung von theologischen Begriffen wie dem der Religion privilegiert Kant nicht nur ein christliches, spezifisch protestantisches Konzept von „Religion“, sondern trägt in sich Zentralbestände eines antijudaistischen theologischen Erbes der hochproblematischen Unterscheidung von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von „wahrer“ Frömmigkeit und „bloßer“ Äußerlichkeit.

Aufklärung sollte vor der Kritik der aufklärerischen Kritik nicht halt machen. Genau deswegen ist es wichtig festzuhalten: Einige von Kants religionsphilosophischen Überlegungen stehen in langer antijudaistischer Tradition, auch wenn sie von einem universalistischen, aufklärerischen Motiv angetrieben sein mögen. Das muss genauso erwähnt werden wie Kants religionsphilosophische Forderung nach der Institutionalisierung von universitärer Kritik an Religion und sein Interesse an der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Die genealogische, systematische und historische Ambivalenz aufklärerischer Diskurse zu thematisieren, bedeutet Aufklärung nicht zu historisieren, sondern ernst zu nehmen.

Vor allem aber wird diese Argumentationsfigur Kants, die sich bis heute in der Bewertung von Orthopraxie hören lässt, einem entscheidenden Phänomen von Religion nicht gerecht: ihrem faktischen Binnenpluralismus. Denn heute, wie auch bereits zu Kants Zeiten, stehen neben der Orthopraxie auch andere religiöse und reflexive Rationalitätsformen.

Dr. phil. Eva Bucher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Religionsphilosophie und Mitglied im Institut für religionsphilosophische Forschung an der Universität Frankfurt. Ihre Dissertation schrieb sie zu Kants Streit der Fakultäten und dem Streit um die Theologie.

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Contra: Jakub Sirovátka

Immer wieder taucht der Vorwurf auf, Kant sei ein Anti-Judaist (oder sogar ein Antisemit) gewesen. Jeder große Denker, der seiner Zeit in einer bestimmten Hinsicht voraus ist, bleibt trotzdem auch ein Kind seiner Zeit. Keiner von uns kann aus seiner Zeit heraustreten und keiner von uns kann einem gewissen „Pespektivismus“ der jeweiligen Zeit entgehen. Oft werden solche Verengungen nachträglich von der darauffolgenden Epoche festgestellt. Den eigenen Vorurteilen vermag sich jedoch keine Zeit zu entziehen. Dies gilt selbstverständlich auch für Kant. So finden wir in seinem Werk auch Vorurteile gegenüber der jüdischen Religion oder gegenüber dem jüdischen Volk, die in der damaligen Zeit verbreitet gewesen sind. Trotzdem möchte ich behaupten, dass Kant zwar bestimmten Vorurteilen verhaftet blieb, jedoch kein Anti-Judaist war. Man muss erstens daran erinnern, dass Kant in seinem Leben mit etlichen jüdischen Männern freundschaftlich verbunden war, wie z.B. mit dem jüdischen Arzt Marcus Herz oder Moses Mendelssohn. Die stärksten antijüdischen Vorwürfe gegenüber Kant sind mit seinem religionsphilosophischen Denken verbunden. Und in der Tat wird die jüdische Religion wiederholt als eine bloß „statutarische Religion“ bezeichnet, die als solche „Religionswahn“ und „Afterdienst Gottes“ darstellt. Und diese „statutarische“, auf die Befolgung von bestimmten Regeln bedachte Religion soll auf eine moralische Religion hin überwunden werden (in diesem und keinem anderen Sinne muss auch das Wort Kants von der „Euthanasie des Judentums“ gelesen werden). Dabei wird jedoch leicht übersehen, dass Kant diese Kritik gegenüber allen Religionen anwendet. Dieselbe Argumentation, die Kant gegenüber dem Judentum benutzt, verwendet er auch gegenüber dem Christentum. Zwar hält Kant die christliche Religion für die moralischste Religion von allen, jedoch auch sie trifft der Vorwurf, sie praktiziere „Afterdienst Gottes“, falls sie nur auf der Einhaltung der Regeln pocht und nicht auf die Änderung des Herzens abzielt. Außerdem soll man sich in Erinnerung rufen, dass Kant sogar die „Statuten“ in einer gewissen Hinsicht für unerlässlich hält, da der Mensch offensichtlich nicht ohne Stütze auf einem rein moralischen Pfad zu wandeln vermag. So gesehen sind religiöse Regeln aus anthropologischer Sicht nötig, sie sollen jedoch auf eine Religion hin überwunden werden, die alleine auf die Änderung der Gesinnung und des Verhaltens abzielt. Das Ideal wäre ein rein tugendhafter Mensch, dessen Wille sich in einer völligen Übereinstimmung mit dem Moralgesetz befindet. Kant weiß aber sehr gut, dass es einen solchen Menschen nicht faktisch geben kann. Abschließend soll auch festgehalten werden, mit welcher Inbrunst und welcher Überzeugung Kant in seinen Schriften von der absoluten Gleichheit aller Menschen ausgeht. Und diese Gleichheit betrifft sowohl ihre Rechte als auch ihre moralische Bestimmung. Das Diktum vom Menschen „als Zweck an sich selbst“ – dieser Endzweck macht seine Würde aus – gilt für Kant ohne eine einzige Ausnahme!

Fazit: Aus Kants Vorurteilen gegenüber der jüdischen Religion mag eine sachliche Unkenntnis sprechen, die jedoch aus der heutigen religionswissenschaftlichen Perspektive festgestellt werden kann. Sicherlich finden wir bei Kant einige Ressentiments gegenüber dem Judentum wie bei etlichen seiner Zeitgenossen. Kant war jedoch kein Anti-Judaist. Genauso wie heute viele Menschen im westlichen Europa Vorurteile gegenüber „den Amerikanern“ haben. Und trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie im Grunde keine Anti-Amerikaner sind.

Dr. Jakub Sirovátka ist Associate Professor am Department of Philosophy and Religious Studies der Theologischen Fakultät an der University of South Bohemia in České Budějovice.

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