InDebate: Politische Öffentlichkeit – vor 100 Jahren und heute

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Andreas Antić

»Die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie ist eine Krise des Journalismus.« – Diese Behauptung erscheint in Bezug auf den Zustand von Demokratie und Journalismus im digitalen (Des-)Informationszeitalter durchaus zutreffend. Sie stammt jedoch aus dem 1920 erschienenen Buch Liberty and the News von Walter Lippmann, der bis in die 70er Jahre einer der einflussreichsten amerikanischen Journalisten war. Noch als Student war Lippmann am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Anhänger des Sozialismus, entwickelte später aber eine konservative, antikommunistische und technokratische Position.

Dieser Wandel wurde von John Dewey, dem bedeutendsten amerikanischen Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, scharf kritisiert. Vor dem Hintergrund der Debatten um „Fake News“ in den letzten Jahren erscheinen die Positionen und Argumente von Lippmann und Dewey erstaunlich vertraut. Wieder wird diskutiert, ob Lippmann mit seinem technokratischen Ansatz nicht doch recht behält und wir im unübersichtlichen digitalen Zeitalter auf Expert*innen angewiesen sind, die entscheiden, was aus der Nachrichtenflut wahr und was falsch ist – aus Deweys Sicht eine Gefahr für die Demokratie.

Gefahr massenmedialer Propaganda

Ausgehend von seinen prägenden Erfahrungen als junger Journalist und Berater des US-Präsidenten Woodrow Wilson während des Ersten Weltkriegs beschreibt Walter Lippmann 1920 in Liberty and the News, wie die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft von der Bereitstellung zuverlässiger Informationen abhängt. Aufgrund der bedeutenden Funktion, die der medialen Informationsvermittlung in einer modernen Massendemokratie zukommt, ist für Lippmann klar, dass eine systematische Manipulation der Nachrichten nicht nur die politische Meinungs- und Willensbildung beeinflusst, sondern auch die Gedanken- und Redefreiheit, und damit die liberalen Grundlagen der Demokratie gefährdet. Denn von der journalistischen Berichterstattung ist nicht nur die breite Öffentlichkeit in ihrer kritischen Urteilsbildung abhängig, sondern sind es auch die gewählten Politiker*innen selbst: Sofern sie nicht der Regierung angehören und am politischen Tagesgeschäft aktiv beteiligt sind, spielen auch für ihre Meinungsbildung die Nachrichten eine zentrale Rolle.

Lippmanns Warnung ist bemerkenswert, da er persönlich nur wenige Jahre zuvor das »Committee on Public Information« (CPI) initiiert hatte, das mit einer bis dahin unvorstellbaren Propaganda-Kampagne die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit des Eintritts in den Ersten Weltkrieg ›überzeugte‹. Zugegeben, das war nicht das, was Lippmann sich ursprünglich vorgestellt hatte. Das CPI hatte sich vielmehr zu einem Selbstläufer entwickelt. Die Kampagne war derart erfolgreich, dass Lippmann selbst vor den Möglichkeiten politischer Propaganda mit den Mitteln der Massenmedien zurückschreckt und darüber nachdenkt, wie man das Mediensystem reformieren könnte.

Öffentlich-rechtliche Gedankenexperimente

Um die Freiheit der amerikanischen Gesellschaft gegen die Manipulation durch massenmediale Propaganda zu schützen, schlägt Lippmann eine spezialisierte Nachrichtenagentur aus Sozialwissenschaftler*innen und Journalist*innen vor, die sich – anstelle von Lokaljournalismus und kurzlebigen Breaking News – auf die langfristige und investigative Beobachtung, Dokumentation und Analyse des Regierungshandelns, der öffentlichen Verwaltung und der gesellschaftlichen Probleme spezialisieren sollte. Eine finanziell und politisch unabhängige Nachrichtenagentur würde Lippmann zufolge die »Experten-Kritik« ermöglichen, die diese komplexen Problembereiche erfordern. Dadurch könnten gesellschaftliche Probleme aufgedeckt werden und eine systematische Kontrolle politischer Entscheidungen und ihrer Umsetzung erfolgen.

Dass auch eine solche Institution für Manipulation und Korruption anfällig ist, ist Lippmann bewusst, aber er sieht keine bessere Möglichkeit. Die breite Öffentlichkeit würde von dieser öffentlich-rechtlichen Nachrichtenagentur dadurch profitieren, dass die Ergebnisse der kritischen Untersuchungen öffentlich zugänglich gemacht werden und als sachliche Grundlage für die öffentliche Debatte dienen.

Wenige Jahre später hat Lippmann diese bereits recht vorsichtig formulierte Idee einer Nachrichtenagentur zur Aufklärung der breiten Öffentlichkeit fallen gelassen und sich ausschließlich der Beratung von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern zugewendet. Angesichts der Komplexität der politischen Angelegenheiten und der Tatsache, dass der durchschnittliche Zeitungsleser damals täglich nur 15 Minuten für den Nachrichtenkonsum aufwendet, scheint ihm eine angemessene Informationsvermittlung für die aktive Partizipation der Öffentlichkeit an politischen Entscheidungen unerreichbar. Auch die Kommerzialisierung der Verlage und die Abhängigkeit von Werbeanzeigen trüben Lippmanns Hoffnungen auf eine hinreichende Reform des Mediensystems.

Deshalb erklärt er Mitte der 1920er Jahre die in der klassischen politischen Theorie verbreitete Vorstellung einer aufgeklärten politischen Öffentlichkeit, die über alle politischen Vorgänge informiert ist, zum Mythos und entwickelt ein zunehmend elitäres und technokratisches Demokratieverständnis.

Die Komplexität der Realität

An diesem Punkt kommt John Dewey ins Spiel, der in den 1920er Jahren auf dem produktiven Höhepunkt seiner Karriere als international anerkannter Philosoph und Demokratiepädagoge steht. Obwohl er Lippmanns scharfe Diagnosen schätzt und weitgehend teilt, gehört er zu den vehementesten Kritikern der technokratischen Schlussfolgerungen, die Lippmann in Bezug auf die politische Partizipation der Öffentlichkeit zieht.

Eine sowohl von Lippmann wie auch von Dewey geteilte Annahme besteht darin, dass die Komplexität und Vielfalt der Realität von einem einzelnen Menschen kognitiv nicht vollständig erfasst werden kann. Das wird im digitalen Zeitalter anhand des Informationsüberflusses so deutlich wie nie zuvor – trotz der entwickelten technischen Möglichkeiten der Filterung und Auswertung von Daten. Egal, wie viele Informationen uns zur Verfügung stehen, wir sind – und das gilt für alle Menschen – im alltäglichen Denken und Handeln auf vereinfachende Kategorien und Modelle angewiesen, auf Vorurteile und Denkmuster, die wir aus unserer sozialen Umgebung übernehmen. Damit wird die Komplexität der Realität reduziert, klassifiziert und konstruiert. Einen unverzerrten Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit, die nicht durch kulturell bedingte Interpretationsmuster und selektive Wahrnehmung geprägt ist, kann kein Mensch für sich in Anspruch nehmen.

Lippmann hat darüber hinaus eindrücklich gezeigt, wie die Sicht auf die Ereignisse in der Welt durch die Mechanismen der Nachrichtenproduktion erzeugt wird und wie populistische Propaganda durch die Erzeugung und Verstärkung bestimmter Stereotypen diese Vorstellungen manipulieren kann. Potentiell handlungsleitende Überzeugungen werden dadurch so sehr verfestigt, dass sie auch durch gegensätzliche Informationen nicht erschüttert werden können, weil diese als Ausnahme von der Regel einfach ignoriert werden.

Deweys partizipative Öffentlichkeitstheorie

Deweys Lösungsvorschlag für das Wahrheitsproblem der Öffentlichkeit basiert auf der Einsicht, dass nicht nur die von Expert*innen produzierten Ergebnisse veröffentlicht, sondern die Denkprozesse selbst demokratisiert werden müssen. Anstelle einer undurchsichtigen Autorität, die fertiges Wissen und abgeschlossene Urteile produziert, müssen die sozialen Prozesse der Produktion von Wissen offengelegt werden. Was heute unter dem Begriff „Open Science“ diskutiert wird, bezieht sich vor allem auf die akademische Wissenschaft, während Dewey sowohl die Wissenschaft als auch die gesellschaftspolitische Urteilsbildung im Blick hat. Die auftretenden Interpretationskonflikte können nicht autoritär gelöst, sondern bestenfalls intersubjektiv geklärt werden und müssen friedlich nebeneinander bestehen können.

Wie das gelingen kann, beschreibt Dewey in seiner pragmatistischen Öffentlichkeitstheorie. Diese ist weniger eine normative Theorie der Öffentlichkeit, sondern eher eine Analyse der Bedingungen kooperativer Untersuchungsprozesse, um konkrete gesellschaftliche Angelegenheiten durch gemeinsames Nachdenken demokratisch zu regulieren. Dewey beschreibt die Grundlagen einer sozialwissenschaftlichen Methodologie, in der theoretische Überlegungen und empirische Forschung eng ineinander verschränkt sind.

Durch Deweys Verbindung mit der einflussreichen Chicagoer Schule der Soziologie hat sich diese pragmatistische Denkweise Jahrzehnte später vor allem in der qualitativen Sozialforschung verbreitet, besonders in der Ethnomethodologie und den Science and Technology Studies. Zwar weist Deweys Öffentlichkeitskonzeption auch viele Gemeinsamkeiten mit der deliberativen Demokratietheorie auf, etwa hinsichtlich des zentralen Stellenwerts der Kommunikation. Sie unterscheidet sich aber durch die lebenspraktische Erfahrungs-, Handlungs- und Problemorientierung insbesondere von den kantianischen Tendenzen deliberativer Ansätze, die auf die Universalisierbarkeit von Normen und Pflichten fokussiert sind.

Dewey versucht nicht, eine allgemeine und abschließende Definition für den Begriff der Öffentlichkeit zu finden, unter den sich sämtliche Erscheinungsformen subsumieren lassen. Er verweist stattdessen auf die Einzigartigkeit historisch situierter Handlungszusammenhänge, von denen die öffentlichen Untersuchungsprozesse ausgehen. Ziel dieser Prozesse ist ein differenziertes Urteil in Bezug auf die konkreten Angelegenheiten. Ein solches praktisches Urteil lässt sich nicht aus allgemeinen Begriffen und normativen Handlungsprinzipien ableiten, sondern erfordert ein lebendiges und reflexives Denken, das den spezifischen Situationskontext einbezieht. Die Situation, die nicht einfach objektiv gegeben ist, sondern intersubjektiv rekonstruiert und interpretiert werden muss, bildet dabei den sachlichen Bezugspunkt.

Wie jede explorative Forschung ist der Verlauf ergebnisoffen und experimentell, insofern nicht-intendierte Folgen auftreten können, die nachträglicher Korrekturen bedürfen. Eine nachhaltige Steuerung komplexer Handlungszusammenhänge, an denen viele Menschen beteiligt sind, lässt sich zudem nur im Rahmen eines partizipativen Prozesses erzielen, in den sowohl die nötige fachliche Expertise als auch das Erfahrungswissen der Akteure und Betroffenen einbezogen wird. Da die politische Teilhabe aus der Perspektive von Deweys weitem Demokratieverständnis selbst einen qualitativen Wert darstellt, lässt sich der Erfolg eines Untersuchungsprozesses zudem nicht allein am Output des Verfahrens messen.

Mehr Fragmentierung wagen

Durch die Ausrichtung auf konkrete Handlungszusammenhänge entsteht ein pluralistisches Modell der politischen Öffentlichkeit, in dem die Öffentlichkeit als abstraktes Ganzes nicht zum Untersuchungsgegenstand werden kann. Die These der Fragmentierung der Öffentlichkeit in eine Vielzahl von Diskursräumen erscheint aus dieser Perspektive als Normalzustand. Vielmehr gilt es, die Bedingungen zu analysieren, unter denen dieser Pluralismus gelingen kann.

Das pluralistische Modell entspricht auch der Tendenz, dass sich immer weniger Menschen mit den einheitlichen Standpunkten identifizieren können, die von Kirchen oder Parteien vertreten werden, sich aber durchaus für einzelne Themen interessieren und auch politisch engagieren. Unter bestimmten Gesichtspunkten ist die Individualisierung der öffentlichen Kommunikation sogar wünschenswert und notwendig – nämlich so lange, wie sie zu einer Verbesserung der intersubjektiven Verständigung in Bezug auf konkrete Angelegenheiten beiträgt und eine gemeinsame Grundlage von akzeptierten Fakten schafft, nicht aber durch populistische Vereinfachungen und Emotionalisierungen zur Lähmung des Denkens führt.

Die dezentralisierte Öffentlichkeit ist auf differenzierte, partizipative Formen der Produktion und Vermittlung von Informationen angewiesen. Sie folgt somit einer anderen Logik als der Anspruch der traditionellen Massenmedien, viele Menschen mit einer allgemeinen Informationsgrundlage zu versorgen und der öffentlichen Diskussion ein zentralen Ort zu bieten.

Erneuerung des Denkens

Dewey war klar, dass das Problem der gesellschaftlichen Integration angesichts der zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen sowie der wirtschaftlichen Globalisierung nicht allein durch technologische Innovationen gelöst werden kann. Vielmehr ist eine Erneuerung des Denkens notwendig, um die beschriebenen Prozesse umzusetzen. Das gilt auch heute für die technologisch verstärkten Filterblasen und Echokammern, die in erster Linie eine sozial-kognitive Grundlage haben.

Da wir auf sprachliche Kommunikation angewiesen sind und weder Irrtümer, noch Missverständnisse oder gar das Denken in verallgemeinernden Kategorien loswerden können, besteht der einzige Weg gegen die Erstarrung des Denkens, wie Dewey betont, in der Verbesserung der Methoden der Forschung und der Kommunikation – wobei reflexives Denken, Lernen und Forschen für Dewey dieselbe Struktur hat.

Wir müssen demnach eine kritische Sensibilität gegenüber den Möglichkeiten und Grenzen der Sprache entwickeln. Wir müssen von der Vorstellung absoluter Wahrheiten abrücken, die Fundamentalisten und radikale Skeptiker gleichermaßen verbindet, ohne in einen Relativismus abzudriften. Im öffentlichen Diskurs müssen wir ein angemessenes Mittelmaß zwischen notwendigen Differenzierungen und zulässigen Vereinfachungen der gesellschaftlichen Ereignisse finden, die unseren gemeinsamen Erfahrungs- und Deutungshintergrund bilden.

Das erfordert differenzierte, kontextsensitive Formen des Nachdenkens und Kommunizierens, die nur durch umfassende radikaldemokratische Bildungsreformen erreicht werden können. Nicht ohne Grund zielt Deweys reformpädagogischer Ansatz wesentlich auf die Förderung der kritisch-reflexiven Urteilsfähigkeit und den Umgang mit neuen Situationen ab. Nicht nur für die Theorie digitaler Öffentlichkeiten, sondern auch für die Konzeption digitaler Bildung und andere gegenwärtige Herausforderungen bietet John Deweys Philosophie daher umfassende Anküpfungspunkte, die eine vertiefte Auseinandersetzung lohnenswert erscheinen lassen.

Literatur:
Andreas Antić: Digitale Öffentlichkeiten und intelligente Kooperation. Zur Aktualität des demokratischen Experimentalismus von John Dewey, Universitätsverlag Potsdam, 2018.

© Andreas Antić

Andreas Antić promovierte 2017 an der Universität Potsdam über John Dewey und digitale Öffentlichkeiten, ist Mitglied der Philosophisch-Politischen Akademie und arbeitet als Berater für die Digitalisierung im öffentlichen Sektor.

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