InDebate: Wie lebensdienlich ist die Ökonomie?

Liebe Blogger-Freundinnen und -Freunde, im Juli möchten wir mit Euch ein Experiment wagen. Wir möchten herausfinden, welches philosophische Potenzial in der kollektiven Intelligenz (Schwarmintelligenz) steckt. Jede Woche wird es eine Frage geben. Bitte schreibt zu dieser Frage ein eigenes Statement und versucht, dieses Statement mit anderen Statements zu verbinden, zu korrigieren, zu überarbeiten, weiterzuschreiben etc. Vielleicht entsteht am Ende ein einziges Statement, verfasst von einem AutorInnen-Kollektiv. Die Frage für diese Woche lautet:

Wie lebensdienlich ist die Ökonomie? 

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18 Gedanken zu „InDebate: Wie lebensdienlich ist die Ökonomie?

  1. Ökonomie halte ich für außerordentlich wichtig. Die Geschichte hat gezeigt, dass ohne gute Kenntnisse volkswirtschaftlicher Zusammenhänge, ganze Völker ins Elend stürzen. Volkswirtschaft kann man aber nicht einer „Schwarmintelligenz“ zur Disposition stellen, etwa der Gestalt, dass jeder zu gleichen Teilen mit entsprechender Internet- Redundanz mitgestaltet und mitbestimmt. Schwarmintelligenz führt m.E. unweigerlich zu Populismus. Nicht zuletzt, weil der Aspekt Eigenverantwortung fehlt, man ist ja Teil eines Schwarms. Darüber hinaus fehlt sogar der Anreiz für den Einzelnen nach eigenen besten Kenntnissen und Gewissen zu handeln. Politische und ökonomische Erkenntnisse (und folgerichtige Umsetzung) werden durch geistige Anstrengung erworben und sind im Querschnitt Mensch „knappe „Güter“. Schwarmintelligenz versteht sich da fast als diametraler Gegensatz, es sei denn es handelt sich um einen Schwarm von VWL- Professoren.
    Der im Schwarm befindliche handelt nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes. Derjenige, der seine Ideen für alle sichtbar auf den Prüfstand legt, macht das Gegenteil. Menschen sind keine Ameisen. Der Einzelne kann klug und verantwortungsbewusst sein, der Plural ist immer tumb und dumpf.
    Ich denke, wir fahren gut mit einer representativen Demokratie, auch wenn sie ganz schön nervt. Die Gefahren von Schwarmintelligenz kennt übrigens jeder bereits, auch wenn das Wort relativ neu ist. Zu nennen wären: Hexenverfolgung, Antisemitismus, religiöser Extremismus, Massenvergewaltigungen und Massaker überall auf der Welt. Grüße

    • Ich will mich hier auf den Kontext von direkter und repräsentativer Demokratie im Bezug auf die Schwarmintelligenz beziehen. Ich habe nun im Wesentlichen hier die obigen Argumente gegen die Schwarmintelligenz vorwiegend als Argumente gegen die direkte Demokratie gewertet (auch wenn Schwarmintelligenz natürlich ein viel weiteres Phänomen ist und, worum es mir geht, den Begriff der direkten Demokratie keinesfalls abdeckt oder überhaupt mehr mit direkter als mit repräsentativer Demokratie zu tun hätte), um nochmals vor allem auf mein Plädoyer für eine direkte Demokratie im Gegensatz zu einer repräsentativen Demokratie zurückzukommen – und dies in Bezug auf die Kritik unseres ökonomischen Systems. Ich hoffe, dass ich damit den intendierten Sinn der Argumente nicht allzu sehr verfälscht habe.

      Die Geschichte hat vor allem gezeigt, dass (scheinbare) Wirtschaftsexperten auf den Finanzmärkten, die sich völlig von der Realität abgekapselt haben, die ganze Welt in Finanzkrisen stürzen und das Elend, das durch die kapitalistische Weltordnung bedingt ist, aufrecht erhalten können. Und dies waren bei weitem keine VWL-Laien, die da agierten. Trotzdem läuft es schief – und das liegt eben nicht an den Kenntnissen, sondern an den Strukturen unseres ökonomischen Systems selbst, welches das Elend fortwährend produziert. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht weiter schwer und bedarf keinerlei VWL-Ausbildung. Ich halte es für ziemlich zynisch und heuchlerisch, zu behaupten, es seien große volkswirtschaftliche Kenntnisse notwendig, damit Völker nicht ins Elend stürzen. Dass dem nicht so ist, zeigen z.B. auch unsere frühen historischen Vorgänger – die zugestandenermaßen zwar in einer deutlich weniger komplexen Welt lebten als heute -, die kaum VWL-Kenntnisse hatten, aber durchaus nicht im Elend verhungert sind, sondern sogar in sehr sozialen Gemeinschaften lebten. Die Komplexität unserer Welt macht aber weder das Elend nötig noch zu dessen Verhinderung ein VWL-Studium unabdingbar. Um den Sturz ins Elend zu verhindern, würde schon ein wenig sozialer Sinn und eine entsprechende Verteilung ausreichen, die sich jeder leicht ausdenken kann und welche das soziale Elend auf der ganzen Welt aufheben könnte.
      Volkswirtschaft darf man daher gerade nicht in die Hände einer
      (Pseudo-)Elite geben. Das Entscheidende ist, dass von den wirtschaftlichen Verhältnissen alle betroffen sind, also geht die Ökonomie auch alle an; folglich sollte dabei auch jeder mitbestimmen dürfen, am besten in Form einer direkten Beteiligung mit möglichst optimalen und individuellen Lösungen.

      Generell ist gegen den Populismus erst einmal nichts einzuwenden, insofern es sich lediglich um die Instrumentalisierung der Unzufriedenheit der sozial Benachteiligten oder der Masse überhaupt handelt; insofern ist er eben nur volksnahe Politik und zudem direkte und leidenschaftliche Bekämpfung des Massenelends. Gefährlich wird es erst dann, wenn die Gefühle der Masse in von irgendwelchen partikularen Machtinteressen geleitete Bahnen kanalisiert werden – und wenn diese prinzipiell über das Individuum gestellt werden. Eine solche Gefahr taucht jedoch in einem repräsentativen demokratischen System viel eher auf, da hier bereits eine feste Struktur und Hierarchie besteht, auf deren Grundlage sich die Machtinteressen der Führungseliten ausweiten, verhärten und legitimieren können.
      Die Gefahr des Populismus sehe ich bei der repräsentativen Demokratie sogar noch viel stärker gegeben. Vor allem sieht man dies vor Neuwahlen, wenn sich die Politiker um ihre Wähler bemühen und sich den Mund fusselig reden, um ihre Reden, Auftritte und billigen Wahlslogans dem Volk schmackhaft zu machen. Häufig wollen ja gerade die Politiker bei der Masse entsprechende Emotionen wachrufen: Wählt uns und unser vorgefertigtes, zusammengewürfeltes Programm, anstatt für eure unabhängige individuelle Meinung zu argumentieren und einzutreten! In einer Demokratie ohne Vertreter dagegen fällt diese Manipulation jedoch schon einmal weg. Durch eine direkte Demokratie verschwindet also gerade die politische Polemik und der Populismus der Wahlkämpfe. Zudem wird in der direkten Demokratie die Meinung des Volkes in einer viel größeren Vielfalt dargeboten und dargestellt als durch ein repräsentatives System, in dem man bestimmte Parteien nur im ganzen Paket oder gar nicht haben kann.
      Wie man zudem am Beispiel der Schweiz erkennen kann, führen Volksentscheide nicht in einem weiteren Maße zum Populismus als repräsentative Entscheidungsverfahren. Zudem führen gerade exklusive, repräsentative Entscheidungsverfahren vermehrt zu der Gefahr von Opportunismus und Machtmissbrauch durch die Politiker, wodurch die Politik sich immer weiter vom Volk und jedem einzelnen Individuum und seinen Bedürfnissen und von der sozialen Realität, sowie natürlich vom Elend entfernt und zu einer ökonomisierten Politik für den Finanzadel und die großen Rettungspakete für die Wirtschaft etc. wird. Dies sieht man schon an der haarsträubenden Tatsache, dass Entscheidungen für solche Rettungspakete innerhalb von Tagen getroffen werden, Entscheidungen auf Klimagipfeln oder bezüglich des Welthungers usw. dagegen fast völlig außen vor gelassen und bloß ständig vertagt werden, ohne dass auch nur die geringste Hoffnung auf eine baldige Entscheidung besteht. Hier sei auch noch mal etwas zur Abstraktheit des fernen Leidens (-> Fellmann) eingeworfen: wirtschaftliche Rettungsschirme, was gibt es wohl Abstrakteres als deren Resultate und Notwendigkeit – die Rettung der Finanzmärkte? Das ist doch ein schlechter Witz. Und da wollen wir noch behaupten, der Mensch kümmere sich nicht um völlig abstrakte und von seiner Lebenswelt total entkoppelte Phänomene!

      Letztlich neigt in Demokratien aber ohnehin die Politik zum Populismus, sowohl in der direkten als auch in der repräsentativen Demokratie. Man kann dieser Tendenz aber auch entweder öffentlich durch Aufklärungsmaßnahmen, politische Diskussionsplattformen, kritische Medien usw., oder individuell dadurch begegnen, dass man sich kritisch informiert und gerade nicht, um mit Heidegger zu sprechen, dem Man verfällt.

      Ich glaube nicht, dass man von anderen ein schlechteres Bild haben sollte, als von sich selbst. Man sollte also im Allgemeinen anderen bezüglich Entscheidungskompetenzen im Bereich ihres Betroffenseins genauso sehr vertrauen wie man, wenn man selbst betroffen ist, sich selber vertraut. Daher sollte man überlegen und sich ernsthaft die Frage stellen: Wenn ich als Bürger an einem direkten Volksentscheid teilnehmen würde, würde ich dann sofort unkritisch nachplappern, was die Medien sagen, oder würde ich mich von populistischen, machtinteressierten Kräften derart beeinflussen und vereinnahmen lassen, dass ich etwas wähle, was ich eigentlich gar nicht wählen wollte? Und besteht diese Manipulierbarkeit in repräsentativen System, wo die politischen Vertreter mir ihr vorgefertigtes Programm unter die Nase reiben wollen, nicht genauso?

      Direkte Demokratie läuft zudem noch lange nicht auf „Schwarmintelligenz“ hinaus – auch bei Volksentscheiden entscheidet jeder selber ganz individuell, wofür er stimmt. Es ist falsch, zu glauben, man sei dabei auf eine Weise Teil des Schwarms wie etwa die gröhlenden Fans einer Fußballmanschaft im Stadion, oder wie bei den durchaus kritischen Beispielen zur Schwarmintelligenz: Hexenverfolgung, Antisemitismus usw. (wobei derlei Dinge wiederum keine Sonderphänomene der Schwarmintelligenz sind: der Einzelne mordet, vergewaltigt ebenso, oder ist Antisemit aus Überzeugung und nicht wegen einer Modeerscheinung im Schwarm – bei Massenphänomenen nimmt das Ganze eben nur ein viel größeres Ausmaß an, aber das liegt eben auch gerade daran, dass mehr Menschen daran beteiligt sind).
      Deswegen gehen die Aspekte Verantwortung und der Anreiz, nach besten Kenntnissen zu handeln, in direkt demokratischen Entscheidungsverfahren auch keineswegs in größerem Sinne verloren, als sie auch durch repräsentative Entscheidungsverfahren verloren gingen. Dasselbe beim Prinzip des geringsten Widerstands. Solche Phänomene der Schwarmintelligenz lassen sich nicht zur Kritik der direkten Demokratie anführen, eher zur Kritik der Fans im Fußballstadion. Dass wir immer und überall beeinflussbar sind, ist weder ein Sonderphänomen direkter Demokratie noch überhaupt der Schwarmintelligenz. Ein Einzelner ist ebenso gut manipulierbar wie die Masse auch. Dort sind es dann nicht solche Phänomene wie mangelnde Eigenverantwortung, sondern zum einen auch das Prinzip des geringsten Widerstands (dies gilt für den Einzelnen genauso wie für den Einzelnen im Schwarm) oder auch der Mangel an Information oder Transparenz etc., was selbst die Entscheidungen eines als rational vorgestellten Einzelnen in trübe Gewässer führen.
      „Derjenige, der seine Ideen für alle sichtbar auf den Prüfstand legt, macht das Gegenteil“ (-> Aaron) – die beste Beschreibung für einen kritischen Wähler in der direkten Demokratie, der seine Ideen, wie alle anderen auch, in den politischen Dialog einführen kann usw.
      Dagegen ist dies das Gegenteil von einer auf Machtinteressen aufgebauten Politik im repräsentativen System, wo – überspitzt gesagt – die Vertreter sich um möglichst große Intransparenz und Immunisierung vor Kritik (etwa durch Volksentscheide, Proteste etc.) bemühen. Hier wird lediglich ein Einheitsbrei politischer „Ideen“ kundgetan – von „auf den Prüfstand stellen“ kann gar nicht erst die Rede sein. Stattdessen werden in irgendwelchen Politik-Talkshows Scheingegensätze aufgebaut, Verwirrung gestiftet, leeres Gerede in weitschweifige Worthülsen verpackt und am Ende ein billiger (Schein-)Konsens vom Moderator erzwungen, weil die Sendezeit vorbei ist. Oder es werden durch billigste Tricks rhetorisch aufgeputzte, aber völlig inhaltslose oder triviale Reden geschwungen. Das ist naiv-unkritisches, voraufklärerisches Verhalten in reinster Form; und das gerade in unserer ach so tollen repräsentativen „Demokratie“.

      Ein weiterer Nachteil repräsentativer Systems ist überdies die grassierende Politikverdrossenheit – der einzelne Bürger wird nur alle vier Jahre gefragt, den Rest der Zeit machen die da oben was sie wollen. Wer der Masse so sehr ihre Ohnmacht offenbart, braucht sich nicht zu wundern. Da ist es doch klar, dass dies Unmut in der Bevölkerung auslöst und ebenso gewisse Folgen zeitigt; wie ich meine sind die vier häufigsten Folgen heute:
      1. ein um sich greifendes politisches Dessinteresse,
      2. ein verzweifelter, nihilistisch-blinder politischer Aktivismus,
      3. eine maschinenartige Integration des Poltischen in den Alltag, wobei der Bürger letztlich zur bloßen Wahlmaschine transformiert ist, die sich sonst kaum Gedanken um die Politik macht oder nur öffentliche Klischees nachplappert – oder tatsächlich kritisch ist, aber durch Einsicht in ihre Ohnmacht völlig ermattet, oder
      4. ein heuchlerisches, innerlich beruhigendes und einschläferndes, pseudo-ethisches Engagement mit Beibehaltung des strukturellen, politisch-ökonomischen Rahmens.

      Das Eigentümliche an den repräsentativen Systemen ist jedoch, wie ich finde, dass das Ganze immer schon auf einem vorgängigen Populismus und Machtinteressen beruht, nämlich auf dem Parteiensystem, in welchem irgendwelche populistischen Vertreter ihren Job machen und an die Regierung wollen. Hier wird der Populismus immer schon als immanente Strategie verwendet, während das bei direkten Demokratien gerade nicht der Fall sein muss. Also auch wenn es schwierig ist: Eine direkte Demokratie ohne Populismus ist möglich, eine repräsentative Demokratie ohne Populismus dagegen nicht.

      Politik und Ökonomie sind sozial konstruierte Phänomene, keine natürlichen Tatsachen; man befindet sich dabei immer schon in der symbolischen Ordnung. Daher müssen wir begreifen, dass wir wirtschaftliche Spielregeln ändern können – und wenn wir erkennen, dass die bisherige ökonomische Praxis mit ihren Regeln viele Menschen ins Elend stürzt, wofür es, wie gesagt, keines
      VWL-Studiums bedarf, so kommt es nicht darauf an, diese Regeln besser zu erkennen und in die Praxis umzusetzen; denn die Regeln produzieren gerade das Elend – ja, marxistisch analysiert hebt sich die Logik des Kapitals am Ende selbst auf bzw. schafft einen hinreichend starken Antagonismus zu deren Überwindung.
      Dass ökonomische Erkenntnisse ein „knappes Gut“ sind, rechtfertigt weder das Bestehen der heutigen Verhältnisse noch die Notwendigkeit der Herrschaft einer ökonomischen Elite.
      („Knappe Güter“ legitimieren noch keine Herrschaft – zumal, wenn es sich eigentlich um „öffentliche“ Güter handelt, die alle etwas angehen, und gerade um solche Güter, die man für die Allgemeinheit einsetzen sollte und nicht für private Bereicherung und Aneignung.)
      Es bedarf zwar durchaus der genauen Erkenntnis der vorgefundenen ökonomischen Regeln, um ihre Logik genausten zu analysieren, aber es bedarf gerechtfertigterweise lediglich der Erkenntnis des Elends auf der Welt, um zu erkennen, dass diese ökonomischen Verhältnisse schlecht sind und abgeschafft werden müssen, d.h. um den gesellschaftlichen Antagonismus ins Rollen zu bringen oder die Masse in ideologische oder einfach verzweifelte Resignation verfallen zu lassen.
      „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen.“ (Marx)

      Der Einzelne kann auch dumm sein; der Einzelne hat oft nicht so viele Informationen wie ein größeres Kollektiv. Allein deswegen ist also schon der Plural für den kommunikativen Austausch, für bereichernde Gespräche usw. absolut notwendig.
      Und ein Einzelner kann meistens nichts bewegen, viele dagegen schon. Und dass der Plural nicht verantwortungsbewusst wäre, widerlegen bspw. schon alle sozial engagierten Nichtregierungsorganisationen, z.B. Amnesty, die im Plural gegen das soziale Elend kämpfen – und ich glaube das tun sie nicht, weil sie „tumb und dumpf“ wären. Wie oft sieht man dagegen einen Einzelnen an Projekten scheitern, wo Teamwork vielleicht die bessere Alternative gewesen wäre, oder man sieht jemanden scheitern, der sich nicht helfen lassen will, sondern auf seiner eigenen Engstirnigkeit beharrt. Der homo oeconomicus, der individuell rational/klug Handelnde, hat als Modell für die Beschreibung menschlichen Verhaltens ausgedient. Und dennoch wird er permanent in den durchmathematisierten Wirtschaftswischenschaften verwendet, und er spukt weiterhin in unseren Köpfen umher. Und auch das Gefangenendilemma – übrigens eine ökonomisch sehr interessante spieltheoretische Überlegung – spricht Bände: oft ist das, was herauskommt, wenn beide individuell rational handeln, nicht das beste Ergebnis; dieses käme nur durch Kooperation (also durch den Plural!) zustande.

      Gerade weil wir keine Ameisen sind, die quasi ferngesteuert werden durch die Königin – bei uns wären das dann die ökonomischen Verhältnisse -, gerade deshalb gilt: Emanzipieren wir uns von diesen ökonomischen Sachzwängen und beenden endlich das Elend auf der Welt, und vor allem den Kulturkapitalismus mit all seinen schädlichen Folgen. Gerade weil wir keine Ameisen sind, müssen wir das kapitalistische System nicht blind akzeptieren oder uns ihm unterwerfen, sondern können uns davon befreien:
      „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (Marx)

  2. Noch einmal zu Max Hartje vom 02. August. Wir wollen hier keine Pirvatdiskussion führen, daher ganz kurz: Mit Ihrer Vision von einer partizipativen Basisdemokratie kann ich nichts anfangen. Denn dann wären wir allen Schwankungen und Moden unseres Lebensgefühls unterworfen. Die „Schwarmintelligenz“ würde uns vor sich her treiben. Vor dem alten Traum der Linken, das Persönliche politisch zu machen, hätte ich mehr Angst als vor der repräsentativen Demokratie, auch wenn diese mittlerweile durch den Lobbyismus unterwandert ist. So long!

    • Wir wollen hier keine Privatdiskussion führen, das ist richtig, aber das hängt davon ab, wer sich sonst noch an der Diskussion beteiligt. Wir wollen uns aber, denke ich, sehr wohl hier in einer Diskussion austauschen und gegenseitig kritisch beleuchten (das ist zumindest meine Absicht), daher wieder relativ/ganz lang:

      Nun gut, ich kann mit dem Kapitalismus nichts anfangen. Warum also nicht jedem das, was ihm beliebt: für Sie der Liberalismus, für mich die „partizipative Basisdemokratie“? Eine Art Metaliberalismus vielleicht.
      Das Problem des Liberalismus drückt sich für mich auch ganz einfach in folgendem Satz aus:
      „Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.“ (Erich Fried)
      Die scheinbar privatisierte, liberale Welt führt zu einer platten, oberflächlichen, „herrschenden Freiheit“, nicht zu einer wirklichen, tiefergehenden, geschweige denn inneren Freiheit.

      Einerseits votieren sie, wie ich sie bisher verstanden habe, durchaus für die politische Differenz, andererseits schrecken sie jetzt davor zurück, das Individuelle/Einzigartige in seine politischen Rechte zu setzen? Also ich hätte keine großen Befürchtungen bei der Politisierung des Persönlichen. Es geht dabei ja nicht um einen Personenkult wie in den realsozialistischen Ländern, sondern um einen nicht-totalitären Weg, jedem individuellen Einzelnen möglichst gerecht zu werden. Oder was verstehen Sie darunter? Oder ist etwa das Gegenteil von „gut“ „gut gemeint“? Darauf wäre meine Antwort in etwa folgende: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muß anders werden, wenn es besser werden soll.“ (Lichtenberg) Wir müssen experimentieren, Dinge immer wieder neu ausprobieren, unser Leben bereichern und unsere Genussfähigkeit erweitern und verfeinern, anstatt dem platten Konsumismus einer untoten Zombiehorde und einem politischen Nihilismus oder Pragmatismus von Macht-/Realpolitik zu fröhnen, sonst wird es so bleiben, wie es ist – aber dann sehe ich keiner langen und wenn überhaupt, einer sehr schwarzen Zukunft entgegen. Aber lassen wir uns überraschen!
      „Den Fortschritt verdanken die Menschen den Unzufriedenen.“ (Aldous Huxley)
      Häufig haben die Menschen ganz einfach vor dem Unbekannten, Neuen Angst, oder auch vor ganz harmlosen Sachen mehr Angst als vor den wirklichen Gefahren, denen sie aber tatsächlich ausgesetzt sind, wie etwa der Lobbyismus, die politische Elitenherrschaft, die Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaft usw., wodurch keineswegs die repräsentative Demokratie „unterwandert“ ist, sondern all das liegt vielmehr im System der politischen Repräsentation des Volkes selbst (tendenziell) begründet, z.B. das eherne Gesetz der Oligarchisierung von Führungseliten (Robert Michels). Der Lobbyismus, die Bürokratie usw. ist daher die eigentliche Wahrheit der repräsentativen „Demokratie“.
      Der Begriff Demokratie bedeutet schließlich eigentlich „Volksherrschaft“ und nicht „Herrschaft einer alle paar Jahre aus einem politischen Einheitsbrei neu ausgewählten politisch-ökonomischen Elite, die es nicht einmal schafft oder überhaupt für nötig erachtet, ihren eigenen Wahlversprechen gerecht zu werden, und ebensowenig in irgendeiner Weise noch das Volk vertritt (bzw. jeden einzelnen vertritt – was unmöglich ist, weshalb die Idee der Vertretung überhaupt fraglich ist, wenn es um das autonome Individuum geht), statt eigener politischer Machtinteressen“ – so etwas ist überhaupt keine Demokratie mehr. Wie Zizek so schön gesagt hat: „Unsere Demokratie ist eine passivmachende Ideologie.“
      Das gegenwärtig lächerlichste, in den Medien umherspukende Beispiel so eines politisch-diplomatischen Nonsense, der sich zu gute hält, Realpolitik zu sein, ist der Fall Snowden. Es ist am Ende vielleicht wirklich so, dass die Realpolitik an ihren eigenen lächerlichen Entscheidungen zugrunde geht, an einem kleinen Umstand nur; es ist so, wie Nietzsche gesagt hat: „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.“

      Sagten Sie nicht, das Leben solle in Bewegung gehalten werden? Warum also nicht die Schwankungen durch unser Lebensgefühl?Was die Moden desselben betrifft, so muss sich keiner zwangsweise an sie anpassen. Ich glaube nicht, dass der „Gang mit der Mode“ irgendetwas mit einer „partizipativen Basisdemokratie“ zu tun hat. Wichtig ist dabei vor allem, dass man sieht, welcher Entscheidungsbereich für welche Art von sozialen Problemen der richtige ist; oft ist eine globale Lösung, der sich alle anpassen müssen, nicht immer das beste, sondern vielleicht auch verschiedene Lösungen im kleineren Bereich, jedenfalls eine gewisse Offenheit und Pluralität in der politisch-ökonomischen Landschaft, in der nicht alle Problemlösungen für alle Menschen verbindlich sein müssen, sondern durchaus auch auf dezentrale Weise etwas gelöst werden kann. Es gibt zwar Probleme, für die es universelle Lösungen durchaus gibt und geben muss, aber es muss und kann nicht für alle Probleme universelle Lösungen geben. Daher ist eine solche Demokratie keineswegs eine von der „Schwarmintelligenz“ umhergetriebene und determinierte Welt. Es geht vielmehr um eine Lockerung der Verhältnisse in einem positiven sozialen, aber auch individuellen Sinne, eine Aufhebung des Zwangs zu universellen Lösungskonzepten, aber auch eine Befreiung von der Einengung und Verengung im privatisierten und bloß durch den Profit bestimmten kapitalistischen Nichts. Einen solchen Weg würde ich einschlagen, sowohl gegen die Universalität von Lösungskonzepten als auch gegen die vollkommen privatisierte Welt einer eigentümlichen Schein-Freiheit; vielleicht so eine Art „dialektischer Individualismus“.

      So long!

  3. In Anbetracht der Diskussion um die Schwarmintelligenz haben wir beschlossen, diesem Thema bald einen eigenen InDebate-Beitrag zu widmen.

    Ökonomie als „Haushalten“ scheint vor allem im Hinblick auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse notwendig zu sein. Wenn es um geistige Bedürfnisse geht schlägt Ferdinand Fellmann eine Ökonomie der Verschwendung vor. Dient also Ökonomie, wenn sie als Haushalten verstanden wird, letztlich immer zoé, dem Überleben, oder darüber hinaus auch dem guten Leben?

  4. Ich würde sagen, dass Ökonomie als Produktion und Verteilung im Allgemeinen zwar lebensnotwendig, jedoch oft sehr schädlich und daher überhaupt nicht lebensdienlich ist, da sie sich als entscheidendes Herrschaftsinstrument von einer bloßen Lebensnotwendigkeit in eine Maschinerie des sozialen Elends verwandelt.

    Heutzutage in unserer Überlfluss- und Wegwerfgesellschaft sind wir auch beim „Fressen“ nicht mehr auf eine Ökonomie der Sparsamkeit angewiesen. Wir könnten durchaus durch eine geeignete Verteilung alle notwendigen Bedürfnisse der Welt befriedigen, anstatt Lebensmittel einfach wegzuwerfen und viele Menschen auf der Welt verhungern zu lassen oder Menschen auszubeuten usw. Ich denke allerdings, dass Batailles Ansatz, wenn überhaupt, eher für die geistigen Bedürfnisse förderlich wäre; den Reichtum zu Ungunsten der lebensnotwendigen Bedürfnisse einfach zu verschwenden, ist keineswegs Sinn der Sache; auch wenn dies Macht symbolisieren mag, es handelt sich dabei schlicht um eine fundamentale Ausbeutung und Unterdrückung, wenn der Reichtum nicht für soziale Zwecke verwendet oder einfach entsprechend verteilt wird bzw. eine ungerechte Verteilung aufgrund des Privateigentums an den Produktionsmitteln erst gar nicht zustande käme. Die Angewiesenheit auf die Ökonomie als Lebensnotwendigkeit wird zu sehr als Machtmittel ausgenutzt. Der Gegenstand des Politischen (bzw. der Biopolitik) ist eben nicht bloß das politische Leben, sondern gerade das nackte Überleben – und damit die Herrschaft über Leben und Tod, welche bei den gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Verhältnissen in einer brutalen und eisigen Ökonomisierung der Lebenswelt stattfindet und sich weiter darin verhärten wird.

    Es gibt meiner Ansicht nach in der Gegenwart zwei große politische Problemfelder, das sind der bürokratische Staat und die ökonomischen Machtverhältnisse, d.h. die kapitalistische Produktionsweise. Letztere ist ja bekanntlich nach Marx vermittels der Monopolisierung des Genusses fremder Arbeit durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln verursacht, ersterer dagegen ließe sich ebenfalls als ökonomisch entstanden verstehen, etwa mit Webers Theorie der religiösen Entstehungsgeschichte des Kapitalismus oder durch den Kolonialismus bzw. später durch das militärische Wettrüsten oder aber durch die Vernunft-Ideologie der Aufklärung.
    Jedenfalls sehe ich ein entscheidendes Problem in unserer gegenwärtigen Ökonomie und würde sie eher als lebenschädlichen Machtapparat klassifizieren denn als lebensdienliches Verteilungsorgang etc., allein schon angesichts der Massen von Menschen, die ihretwegen in Elend und Tod versinken, und der bloß geringen Anzahl an Menschen, die sich im Luxus baden.

    Das Verschwinden des sozialen Elends im gesellschaftlichen, politischen Feld, und daher vor allem im privaten Feld das sensible Gehör für die Stimme der individuellen Bedürfnisse, sowie der überschäumende und schenkende Überfluss, statt der zerstörerischen und banalen Vernichtung der Reichtümer als Symbol der Macht – das ist der Kern meiner Philosophie der Lebenskunst.

    • Lieber Max Hartje,

      unsere Philosophien der Lebenskunst liegen nicht so weit auseinander, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Auch ich sehe die Ungerechtigkeiten der Verschwendung, die das ökonomische System des Liberalismus erzeugt. Wir leben derzeit in Europa auf Kosten anderer Kontinente, das ist schlimm. Aber das wird sich ausgleichen oder verschieben, sobald die Schwellenländer über den Berg sind. Dann wird es neue Ungerechtigkeiten geben, da Ökonomie immer von Differenzen lebt. Eine allen gerecht werdende Ökonomie kann es nicht geben, das verstößt gegen die Gesetze des Marktes, die immer auch Gestze der Machtausübung sind.

      Um nicht mißverstanden zu werden: Mein Plädoyer für eine Ökonomie der Verschwendung bezieht sich auf die geistigen Bedürfnisse. Hier steht auch für mich das Individuum an erster Stelle, aber Individuen fallen nicht vom Himmel, sondern entwickeln sich im lebensweltlichen Umgang miteinander. Und eine Republik des Geistes ist so gut, wie sie Außenseiter und sogar Exzentriker zulässt. Es wäre naiv zu meinen, im geistigen Leben gäbe es keine Machtkämpfe. Derzeit erleben wir so einen Kampf zwischen den Geschlechtern. Der Versuch, alle Beziehungen symmetrisch und zwanglos zu gestalten, gehört zur feministische Ideologie, deren Durchsetzung sich selbst dementiert. Ich möchte auch nicht in einer Welt des totalen Machtverzichts leben. Das wäre ein Paradies, in dem ich mich zu Tode langweilen würde. Ich glaube, das würde auch Ihnen nicht gefallen. Also: Macht ja, nur nicht um der Macht willen und mit menschenverachtender Gewalt, sondern um der Differenzen Willen, die das Leben in Bewegung halten.

      • Ich denke, wenn die Schwellenländer „über den Berg sind“, wird sich die Schere zwischen Arm und Reich auch in unserer westlichen Welt deutlich extremer zeigen – die Verelendung wird mitten ins Zentrum der westlichen Welt fortschreiten, wenn sich die Zentrum-Peripherie-Trennung auflöst; weil die kapitalistische Ökonomie immer zu extremen sozialen Gegensätzen führt, was durchaus nicht im allgemeinen ökonomischen Sinne notwendig ist. Der Markt ist nicht alles. Es gibt sehr wohl mögliche Alternativen zum Kapitalismus, d.h. zur freien oder pseudo-sozialen Marktwirtschaft.

        Ein weiteres Problem mit dem wir uns in der Zukunft auseinandersetzen werden müssen, ist das von Jeremy Rifkin prophezeite „Ende der Arbeit“, sowie ebenfalls mit dem Widerspruch, welcher durch den im Kapitalismus bloß zur Produktivitätssteigerung missbrauchten technischen Fortschritt und der eigentlichen Befreiungstendenz der Technik entsteht.
        „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.“
        (Marx)

        Natürlich wird es immer Ungerechtigkeiten geben, aber irgendeinen Menschen auf der Welt verhungern zu lassen, wo wir bei weitem genug haben, um alle zu ernähren, und die Dinge oft sogar lieber wegwerfen, wenn wir keinen Proft mehr damit erwirtschaften können, anstatt es an all die hungernden Menschen auf der Welt zu verteilen; das ist keine bloße, vertretbare Differenz oder kleinere Ungerechtigkeit, sondern ein weltweit praktiziertes Verbrechen, welches auch noch durch unser wirtschaftliches System gerechtfertigt wird.
        „Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet. Es gibt keine Fatalität irgendwelcher Art. Es ist die Weltordnung, die tötet.“ (Jean Ziegler)

        Wenn das Gesetz des Marktes keine allen gerecht werdende ökonomische Ordnung zulässt, dann lässt dies für mich nur einen Schluss zu: Begrenzen wir den Markt oder schaffen wir ihn ganz ab! Das Unvermeidlichkeitsargument bezüglich sozialer Ungerechtigkeit ist keinem ökonomischen Realismus, sondern ganz einfach der Angst vor sozialen Veränderung geschuldet. Immer wieder haben sich bestehende Systeme (Ständegesellschaft, totalitäre Systeme usw.) damit gerechtfertigt, dass es kein Außerhalb gäbe, dass es eine Welt ohne Kapitalismus, ohne verhungernde Menschen nicht geben kann. Man argumentiert, dass es keine machtfreie Welt geben kann, dass, wie Sie es nennen, die „feministische Ideologie“ sich selbst dementiert. Worum es aber geht, ist keine völlig symmetrische Äquivalenz, kein Machtverzicht. Natürlich gibt es auch in der geistigen Welt Machtkämpfe. Aber diese werden nicht um Leben oder Tod geführt (oder sollten dies zumindest nicht). Die Bedingung für das Führen geistiger Kämpfe überhaupt, innerhalb eines weltweiten Diskurses, ist gerade die allgemeine, sichere Lebensversorgung aller Menschen. Wir können nicht sinnvollerweise die geistige Vielfalt predigen und zugleich darauf verzichten, allen einen Zugang zum geistig-kulturellen Universum zu verschaffen. D.h. geistige Kämpfe, die durch Pluralität und Demokratie gekennzeichnet sind, sind nur möglich, wenn wir die fundamentalen kapitalistischen Ungleichheiten abschaffen, sonst wird keine vielfältige, demokratische und in irgendeiner Weise ethisch vertretbare geistige Kultur möglich sein.
        Der Punkt ist einfach der, dass es einen riesigen Unterschied zwischen Vielfalt, Pluralität, Differenz usw. und Ungerechtigkeit, sozialem Elend, Tod durch Verhungern, Kampf um Leben und Tod gibt. Ich will keine Welt, in der alle uniformierte Hüllen sind, das wäre durchaus totalitär. Ebenso totalitär (oder auch vernachlässigend und anonymisierend) ist eine Ökonomie, die das Elend notwendig macht.

        Wir sehen in der Geschichte ebenso viele Befreiungsbewegungen, die unsere Gesellschaft durchaus nachhaltig verändert haben und immer war das Argument vorher, dass eine solche Veränderung unmöglich oder gar verwerflich sei. Dies ist immer die Ausrede des bestehenden Systems.

        Irgendeinen Menschen auf dieser Welt verhungern zu lassen oder im sozialen Elend verotten zu lassen, am Existenzminimum leben lassen – und auf der anderen Seite die mehr oder minder wohlhabenden Menschen, die sich ein genussreiches Leben gönnen können; diese Differenz ist de facto eine menschenverachtende Gewalt und eine Ökonomie, welche diese Probleme aus prinzipiellen Gründen nicht lösen kann, weil sie auf dieser Gewalt selbst begründet ist, und damit unsere Weltwirtschaft, die dies aus welchen Interessen auch immer bisher noch nicht bewerkstelligt hat, obwohl viel zu viel von allem vorhanden ist, eine solche Ökonomie ist lebensvernichtend und gehört ganz einfach abgeschafft. Das Schlimme ist, dass so viele glauben, man könne nicht allen gerecht werden. Dabei wäre es das allereinfachste, die Produkte einfach an jeden Menschen zu verteilen, BIldung als einen Prozess individueller Förderung und individuellem
        Gerecht-Werden zu begreifen, usw.
        Und wenn wir aufgrund egoistisches Machtinteressen es nicht bewerkstelligt kriegen, allen Menschen auf der Welt Essen und eine Wohnung, Zugang zur Bildung, Bedingungen für ein gesundes, genussreiches Leben, über das sich ein jeder freuen kann, zu geben, und zwar ohne irgendeine Gegenleistung, sondern als fundamentales Menschenrecht, dann steht durchaus nicht das Individuum an erster Stelle, sondern die sichere Versorgung aller Menschen.

        Dann auch noch (oder nocheinmal?) zu der Geschichte mit dem Paradies, das frei ist von jeder Macht. Das Problem ist überhaupt nicht die Macht – ich habe diesbezüglich sogar ein relativ „pessimistisches“, foucaultsches Bild, dass wir uns immer im Netz der Macht bewegen. Das Problem ist eher, dass durch anonymisierte, systeminhärente Machtverhältnisse die Macht den einzelnen Menschen systematisch genommen wird. Ich sehe also das Problem nicht darin, dass die Menschen zu viel Macht hätten und diese missbrauchen, sondern vielmehr darin, dass jeder einzelne viel zu wenig Macht besitzt, um nicht mehr oder minder durch die ökonomischen Sachzwänge determiniert zu sein. Die Macht ist heute nicht mehr fassbar, äußert sich in allen möglichen, unhinterfragten „Sachzwängen“, die oft nur deshalb bestehen, weil sie von der Allgemeinheit unhinterfragt oder aus Verzweiflung „akzeptiert“ werden, und die gerade eine Aufhebung individueller Souveränität bedeuten. Worum es mir vielleicht geht, ist eine Gesellschaft demokratischer, souveräner Individuen, die sich nicht mehr in der politisch-ökonomischen Zange oder in sozialem Elend befinden, sondern die eine wahrhaft vielfältige gemeinsame, kosmopolitische geistige Kultur aufbauen können – und das für alle Menschen. Ich will nicht naiv oder träumerisch erscheinen, aber die Möglichkeit einer solchen Gesellschaft sehe ich durchaus gegeben, an der technischen Umsetzbarkeit oder einer vermeintlichen „Bösartigkeit“ der Menschen sehe ich dieses Projekt jedenfalls nicht scheitern; die heutigen Zwänge sind nämlich nicht durch die einzelnen Menschen selbst gewollt, sondern durch ein anonymes Machtsystem vorgegeben, welches wir durchaus verändern können; ich sehe durchaus eine Chance, dass man sich kollektiv gegen die anonymen Zwänge wehren kann, die Menschen müssen diese Möglichkeit bloß erkennen und genügend Hoffnung haben – und in der mangelnden Hoffnung sehe ich heute das größte Problem.

        So, auch wenn ich mich jetzt (auch unter der Gefahr der Wiederholung) sehr viel über das Elend in der Welt ausgelassen habe – zuletzt noch ein großes Lob: Ihren Ansatz bezüglich der geistigen Bedürfnisse halte ich für sehr fruchtbar und interessant. Ich denke auch, dass im geistigen Leben die Verausgabung eine sehr wichtige Rolle spielt. Ich sehe jedoch leider auch, dass das geistige Leben in der heutigen Gesellschaft noch zu sehr einer Ökonomie der Sparsamkeit folgt und stark in den Hintergrund tritt. Wo findet man heute noch mal Zeit zur Besinnung und zum gemeinsamen Nachdenken, für die „verschwendete“, unproduktive Zeit für philosophische Gespräche mit Bekannten oder auch Fremden, die sich darauf einlassen, anstatt dem oberflächlichen Druck des Alltags nachzugeben. Wie war das doch im antiken Griechenland, wo es noch so Gestalten wie Sokrates oder Diogenes gab, die die Philosophie „zu Markte“ getragen haben und damit der allgemeinen Ökonomisierung der Lebenswelt durch Vergeistigung derselben entgegen wirken.
        Und letztlich gilt aber: die geistigen Bedürfnisse bauen auf unserer materiellen Sicherheit auf, und solange diese nicht für alle Menschen gesichert ist, bleibt unsere geistige Kultur, wie ich finde, irgendwie sehr heuchlerisch und falsch.
        Adorno hat einmal gesagt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

        • Lieber Max Hartje,

          auch ich sehe das Elend der Welt und wünsche mir eine bessere Welt. Nur sehe ich zum demokratischen Liberalismus trotz seiner Defekte keine praktikable Alternatve. Worin wir uns unterscheiden, ist wohl mein Realismus hinsichtlich der Wirklichkeitserfahrung. Was mich berührt, betrifft den Nahbereich meines Lebens. Wenn irgendwo Leute leiden und draufgehen, so finde ich das schlimm, aber die Opfer bleiben mir so abstrakt wie die Männchen vom Mars. So sind wir Menschen nun mal: Wir und unsere Angehörigen, der Rest ist nicht real. Was uns bleibt, sind Utopien, die aber oft mehr Unheitl anrichten als ein pragmatischer Realismus. Einverstanden?

          • Nicht wirklich einverstanden. Ich stimme nicht mit Ihnen über ein, dass der „demokratische“ Liberalismus, kurz Kapitalismus, alternativlos sei. Worin ich mit ihnen natürlich übereinstimme, ist, dass wir uns das Demokratische erhalten und fördern sollten, aber die Regierung der Welt durch wirtschaftliche und politische Eliten empfinde ich nicht als demokratisch.
            „Die Ehe von Demokratie und Kapitalismus ist endgültig geschieden.“ (Zizek)
            Was ich vorschlagen würde, ist ein direkt demokratischer Ansatz, verbunden mit einer Wirtschaftsdemokratie auf der Grundlage einer Arbeiterselbstverwaltung. Ich kann ihnen ebenfalls sehr pragmatisch und realistisch versichern, dass der Kapitalismus auf Dauer keine Lösung ist, sondern vielmehr das einzige konstantbleibende Problem, er ist viel zu krisenanfällig und hat bisher deutlich mehr Unheil angerichtet, als alle sonstigen Utopien. Dazu brauchen wir uns nur in der Geschichte des Kolonialismus umschauen, den schon Marx kritisiert hat, und die ganze Dritte Welt bis zum heutigen Tage. Ich weiß nicht genau: wie oft stirbt ein Mensch auf der Welt an Hunger oder sonstigen Folgen, die man der wirtschaftlichen Weltordnung zuschreiben kann? Auf jeden Fall sehr sehr viele. Und ich glaube das rechnet sich sehr gut mit den Opfern irgendwelcher Utopien. Der Kapitalismus ist für mich geradezu eine gescheiterte Utopie. Und dass wir bis heute an ihm festhalten, bezeugt meines Erachtens nur, wie mächtig diese Ideologie ist und wie sehr sie uns immer noch in der Hand hat, wie sehr wir Menschen uns schon aufgegeben haben usw. Hätte irgendein totalitärer Staat (etwa im Realsozialismus oder Faschismus) die Macht gehabt, uns Menschen länger, ja bis heute in seiner Gewalt zu haben und uns mit seiner Ideologie an ihn zu fesseln, wir hätten wohl ebenso hoffnungslos gesagt, dass uns keine Alternative bekannt sei.
            Der „pragmatische Realismus“ hat meiner Ansicht nach deutlich mehr Menschenleben gekostet als irgendeine noch so schreckliche, antikapitalistische Utopie, so abstrakt das Leiden in der Ferne auch sein mag.

            Wir müssen uns klarmachen, dass die Spielregeln der Wirtschaft von Menschenhand gemacht sind, und genau solche Hände können sie auch wieder einreißen und verändern. Das ist doch ganz pragmatisch, oder nicht? Oder wollen wir lieber in einem düsteren Fatalismus versinken? Wir haben immer die Wahl – „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“ (Sartre).

            Es gibt also keine Alternative zum Kapitalismus? Das sehe ich ganz anders, im Gegenteil, ich glaube, es gibt keine Alternative dazu, den Kapitalismus über Bord zu werfen und am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu arbeiten, vorausgesetzt wir wollen unsere Welt erhalten und nicht dem Untergang weihen. Entweder schaffen wir es, den Kapitalismus zu überwinden, oder er zerstört sich von innen heraus selbst – und dann endet alles in einem riesigen Desaster, einem katastrophalen Kollaps des ganzen Systems. Dass der Kapitalismus keinen dauerhaften Bestand hat, zeigen die Krisen, das Elend, die Proteste usw. Warum er sich doch bis heute gehalten hat? Die Resignation der Menschen, die Unreife der Zeit, seine enorme Flexibilität, Dynamik und Anpassungsfähigkeit, die „Natur des Menschen“, wer weiß. Solange sich der Kapitalismus aufrecht erhält, halte ich Realitätsflucht für eine deutlich bessere Option als Pragmatismus. Die ganz pragmatische und realistische Frage ist lediglich: Wann ist es soweit? Wie lange ertragen wir den Kapitalismus noch und machen dabei mit? Vielleicht dauert es noch eine halbe Ewigkeit – die Geschichte können wir nicht vorhersehen. Aber die Geschichte verändert ihr Gesicht nicht von selbst, es ist der Mensch, der die Geschichte macht. Wir haben die Wahl, der Armut und dem Elend ein Ende zu machen: Wann fassen wir den pragmatischen Entschluss, werfen die Verhältnisse um und zerbrechen die längst gerosteten Ketten?

            Bezüglich eines „Realismus der Wirklichkeitserfahrung“ bin ich immer relativ skeptisch. Die Geschichte hat viele unerwartete Ereignisse hervorgebracht, wer hätte z.B. vor dem tatsächlichen Ereignis so etwas wie die totalitären Staaten des 20. Jhd. für möglich gehalten, oder die Terroranschläge in neuerer Zeit, oder auch mal etwas Gutes, wie den immensen technologischen Fortschritt, den wir durchaus dem Kapitalismus zu verdanken haben, oder die Emanzipationsbewegungen im 20. Jhd. Damit will ich sagen, dass wir uns bezüglich extremer gesellschaftlicher Spannungen und Widersprüche, die in der kapitalistischen Produktionsweise ja immer deutlich zu Tage treten, keinesfalls auf die vermeintlich „realistische“ Alltagserfahrung verlassen dürfen. Es passiert mehr in der Welt, als der Nahbereich unseres Lebens den Anschein gibt. Wir dürfen über unserem Realitätssinn niemals den Möglichkeitssinn vergessen. Wenn wir es nicht tun, dann erreichen es eben irgendwann andere. Früher oder später – wir haben die Wahl und damit die Verantwortung.

            „Wir alle können uns einen Asteroiden vorstellen, der die Erde trifft und alles Leben vernichtet. Aber mit der Vorstellung der kleinsten Veränderung des Kapitalismus tun wir uns schwer.“ (Zizek)

            Was die Sache mit der Utopie betrifft, so spricht folgendes Zitat von Marx ganz für sich:
            „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach sich die Wirklichkeit zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“

            Zuletzt noch zu der Nähe oder Ferne des Leidens anderer Menschen. Hier stimme ich Ihnen zu, dass die Menschen tatsächlich durch das ferne Leid weniger berührt werden. Auch mich berührt hauptsächlich (oder nur?) das eigene Leiden, der eigene Nahbereich des Lebens, vielleicht noch das Leben derjenigen, die mir am nächsten stehen. Oft geht es jedoch im Kampf mit dem Kapitalismus auch um die eigene Freiheit und Individualität gegenüber dem Anpassungsdruck durch das System usw. Die Kritik am Kapitalismus beschränkt sich ja keineswegs auf das Leiden in der Dritten Welt, dieses System hat ja enorme Auswirkungen auf unseren Alltag und auf den ganzen Nahbereich unseres Lebens. Nehme man die Oberflächlichkeit, Leere und Sinnlosigkeit des blinden Konsumismus, den Markenfanatismus, den unüberwindlichen bürokratischen, stillstehenden Einheitsbrei der Politik und diverser mehr oder minder sozialer Institutionen, das pseudo-ethische, antikapitalistische, bewusste Kaufen z.B. von Bioprodukten usw. (Zizek), diverse gesellschaftlich bedingte Krankheitsbilder bzw. Volkskrankheiten (Burn-Out, Depressionen, Schizophrenie [Deleuze] usw.), die Langeweile in der modernen Welt oder das Unbehagen in der Kultur (Freud), der Verlust der Fähigkeit des Genießens (Robert Pfaller) und die häufige moderne Unfähigkeit zum Selbstgenuss, die sinnlose Massenproduktion, der Eigentumswahn, das krankhafte Immer-Mehr-Haben-Wollen, der Verlust jeglicher Realitätserkenntnis auf den Finanzmärkten, und überhaupt die simulierte Wirklichkeit, das Verschwinden des Realen im Hyperrealen, das auf keinen realen Grund mehr verweist (Baudrillard), die schädlichen Folgen der Biopolitik und diverse Machteffekte spezifischer Subjektkonstituierungen auf die individuellen Körper (Foucault), der Überdruss am Überfluss (Erich Fromm), usw. usw. usw.
            All das sind Dinge, die den westlichen Menschen deutlich näher liegen als auf der ganzen Welt verstreute verhungernde Menschen. Vielleicht ist für sie auch etwas aus dem Nahbereich des Lebens dabei? Natürlich kann man sich immer vor allen möglichen Folgen abschotten, das eigene Leben möglichst angepasst oder ohne irgendwelche Konflikte führen, sodass man nicht in direkten, sondern bloß medialen Kontakt kommt mit der Krankhaftigkeit des heutigen Systems. Aber das geht in jedem System, selbst in den schrecklichsten, totalitären Staaten, wenn man nur konform geht und nicht aneckt.
            „Das fundamentale Paradoxon des Verhältnisses zwischen der öffentlichen Macht und ihrer inhärenten Überschreitung besteht darin, dass das Subjekt nur insoweit wirklich in das Gewebe der Macht verstrickt ist, als es sich nicht völlig damit identifiziert.“ (Zizek)
            Aber selbst, wenn man es schafft, derart Konflikten mit dem System aus dem Weg zu gehen, so berechtigt dies keinesfalls dazu, allen Menschen dieses System aufzuzwingen. Wenn es schon um Pluralität und Differenz geht, warum dann nicht auch in solchen Fragen über das System selbst? Menschen, die gut damit zurecht kommen, sollen von mir aus damit leben, aber dann soll man nicht für die, die das nicht wollen, die Bedingungen so einengen, dass diesen alle Möglichkeiten verschlossen bleiben. So wenig wie ich jemandem irgendein System aufzwingen will, so wenig will ich, das man mir oder überhaupt irgendjemandem ein vorgefertigtes, verpfuschtes, kapitalistisches System aufdiktiert. Warum hier nicht mehr Freiheit und Differenz/Pluralität fordern?

    • Zitat M:H::Trotzdem läuft es schief – und das liegt eben nicht an den Kenntnissen, sondern an den Strukturen unseres ökonomischen Systems selbst, welches das Elend fortwährend produziert. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht weiter schwer und bedarf keinerlei VWL-Ausbildung. Ich halte es für ziemlich zynisch und heuchlerisch, zu behaupten, es seien große volkswirtschaftliche Kenntnisse notwendig, damit Völker nicht ins Elend stürzen. Dass dem nicht so ist, zeigen z.B. auch unsere frühen historischen Vorgänger – die zugestandenermaßen zwar in einer deutlich weniger komplexen Welt lebten als heute -, die kaum VWL-Kenntnisse hatten, aber durchaus nicht im Elend verhungert sind, sondern sogar in sehr sozialen Gemeinschaften lebten. Zitatende

      Nein, wenn sich lenkende Ökonomen unverantwortlich verhalten, heißt dies nicht, man bräuchte keine ökonomischen Kenntnisse, um es besser zu machen, sondern es bedeutet, dass der politisch gesetzte Rahmen nicht stimmt.
      In der Höhle kommt man mit einer leicht überschaubaren Wirtschaft aus. Was man heute unter Ökonomie versteht, spielte erst dann ansatzweise eine Rolle, als die Menschen arbeitsteilig strukturiert und keine Selbstversorger mehr waren.

      Alle nicht nach moderner Ökonomie ausgerichteten Staaten sind längst bankrott oder schleppen sich am „Tropf“ irgendwelcher rohstoffreichen Bruderländer durch. Sogar Gorbatschow, der einen wirklichen Neuanfang wagte, scheiterte an ökonomischen Problemen. Das liegt daran, dass Ökonomie ein weites, schwieriges Feld ist, welches Laien selbstverständlich nicht überschauen.
      Wenn in der Handelskammer ein Rechtsstreit in Wirtschaftssachen ansteht, hat jeder Richter mindestens einen Diplomkaufmann als Sachverständigen parat. Nicht weil der Richter dumm, sondern weil die Materie so komplex ist, dass ohne Fachmann nicht zu beurteilen ist, ob ein fehlerhaftes Verschulden vorliegt. Dasselbe gilt in der Medizin und auf diversen anderen Gebieten. Man braucht als Nichtfachmann stets Gutachter um beurteilen zu können, ob Fehler gemacht wurden. Auch der Tod des Patienten nach der Operation ist kein Beleg für ein Verschulden des Arztes, ebenso wenig beweist die Genesung eine fehlerfreie Operation. Man ist bei der Beurteilung auf Fachleute angewiesen.
      Und was bedeutete es, wenn dem Chirurgen ein schwerer Fehler nachgewiesen wird? Heißt es, Chirurgie ist obsolet, oder jedermann kann sie betreiben? Wohl kaum.
      Wenn Wirtschaftslenker den Karren in die Grütze fahren, weil sie zu risikobereit waren, heißt das vor allem: Es gibt ein Haftungproblem. Es heißt nicht: Jedermann der das Risiko auch gesehen hat, hatte ebenbürtigen Sachverstand. Letzteres ist Biertresenlogik. Ich muss mich als Bürger darauf verlassen, dass eine politische Opposition der Regierung Fehler sachkundig und plausibel nachweist. Ich sehe sonst keine Möglichkeit z.B. Finanzpolitik ernsthaft nachzuvollziehen.
      Hier sprechen Vorredner u.a. von Wegwerfgesellschaft usw. Das sind abgedroschene Phrasen. Sie beschreiben weder ansatzweise noch ausschnitthaft Ökonomie.
      Ein bisschen Wahrheit bringt da schon das einfache Verb ‚haushalten‘.
      Vielleicht sollte man mal von den Schreckensvorstellungen einer mißbräuchlichen, ausbeuterischen Wirtschaft abrücken. Ökonomie kann wirtschaftlichen Wohlstand und ein Zugewinn an Lebensqualität für alle bedeuten.
      In modernen Industriegesellschaften bedeutet sie nicht nur Haushalten, sondern Input von Wissen, Wertschöpfung, Synergieeffekte.schaffen. Wenn der mittelalterliche Bauer noch rund um die Uhr damit beschäftigt war die eigene Familie notdürftig zu ernähren, so ist es ihm heute möglich das ganze Dorf zu versorgen und selbst vergleichsweise wohlhabend zu sein. Er muss seinen Kindern keine Schuhe anfertigen, das Haus nicht selbst bauen, die Äcker nicht mit dem Ochsenpflug bestellen und der Fernseher in seinem Wohnzimmer ist auch nicht selbst gebastelt. Darüber hinaus kann er seine Kinder zur Schule schicken und hat sogar noch Freizeit. Der springende Punkt: Er verkauft nur gutes Getreide und erwirbt dafür z.B. Maschinen von einem Hersteller, der ebenfalls keine Schuhe mehr anfertigt und pflügt, sondern nur gute Maschinen baut und diese verkauft. Wenn die politischen Rahmenbedingungen vernünftig gesteckt sind, kann so ein ganzer Kreislauf bis hin zum Bäcker funktionieren. Ökonomie macht’s möglich. Im großen Maßstab können so ganze Volkswirtschaften wechselseitig Wohlstand erwirtschaften, zum Nutzen aller. Mit Nutzen ist nicht die Überschwemmung mit Konsumgütern gemeint, sondern ein Zustand, der es dem Einzelnen gestattet menschenwürdig zu leben, ihm Bildungschancen und medizinische Versorgung ermöglicht. Wirtschaftliche Ausbeutung z.B. der dritten Welt, ist kein ökonomisches Problem, sondern ein politisches.

      Zur Schwarmintelligenz. Mir ist sie aus der Biologie und neuerdings vom Hörensagen bei der Piratenpartei bekannt.
      In der Biologie bedeutet sie ein Verhalten des Einzelnen, welches in der Masse aufgeht, der Gestalt, dass ein Impuls des Hintermannes aufgenommen wird und vor dem Hintergrund eines übergeordneten nicht bewussten Zieles, an den Vordermann weiter gegeben wird. Der Einzelne ist hier beliebig austauschbar.
      In der Systemtheorie oder KI wird dieser Begriff anders gebraucht. Er bezeichnet dort eine Wissensaddition, einen qualitativen Neuzuwachs, den der Einzelne erbringt, um eine Synergie zu ermöglichen.
      Welche Schwarmintelligenz ist hier bei -indebate.de gemeint?

      • „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.“ (Shakespeare)
        Es sind die ökonomischen Regeln und nicht die Kenntnisse. Wir können über sie so viel wissen, wie wir wollen, das macht aber die Regeln nicht besser. Schlechte Regeln werden nicht durch die Kenntnis derselben auf einmal, ganz plötzlich und auf magische Weise aufgewertet. Die Kenntnisse nützen uns also nichts. Das einzige, das man dann sinnvollerweise tun sollte, ist, die Regeln zu ändern.

        Das Problem ist, dass die ökonomsichen Kenntnisse der bestehenden ökonomischen Spielregeln uns nicht helfen, irgendetwas besser zu machen – denn es sind diese Spielregeln des heutigen (kontingenten und historisch entstandenen) wirtschaftlichen Systems selbst, welche für das Elend verantwortlich sind. Das hat weder etwas mit dem unverantwortlichen Verhalten einzelner zu tun noch mit dem politischen Rahmen – welcher auf den ökonomischen Verhältnissen beruht und niemals höher als dieselben sein kann – sondern es ist ein immanentes, strukturelles Problem der kapitalistischen Produktionsweise.
        Es gibt keine politische Entscheidung „Vermehren wir das soziale Elend der Welt!“ o.ä. Und das Nichtstun oder gar die Handlungsunfähigkeit der Politik zeigt, dass dies keineswegs ein politisches Problem ist. Die Politik untersteht der Ökonomie bzw. passt sich ihr sowieso hinreichend an. Folglich muss sich der ökonomische Rahmen wandeln, damit sich die Politik verändern kann.

        Zugestanden, die moderne Ökonomie ist ein komplexes Gebiet. Sie ist komplex und dadurch so in ihrer realitätsfernen Zirkelhaftigkeit, in ihrer Mathematisierung befangen, dass sie ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr durchschaut – und das liegt daran, dass sie sich dem freien Lauf mehr oder weniger ergibt, also ihren inneren Gesetzmäßigkeiten, welche die vorherrschende Ökonomie nicht mehr selbst zu erkennen vermag. Deswegen bedarf es einer Tiefenanalyse der Ökonomie, so wie sie Marx vorgelegt hat, die über die ideologische Oberflächlichkeit und Komplexität Rechenschaft ablegt. Und darüber hinaus bildet sich die vorherrschende Ökonomie auch noch ein, ökonomische Gesetze seien Naturgesetze und keine sozialkonstruktivistisch hergestellten Regeln, d.h. ein Gebiet, das auch nach anderen Regeln funktionieren könnte. Daher mögen die Regeln so komplex sein wie sie wollen: es gibt auch Alternativen – die von mir aus ähnlich komplex sind, sofern es einem nach Komplexität verlangt, aber nicht im kapitalistischen Antagonismus befangen bleiben. Wie gesagt, Komplexität rechtfertigt weder das Elend noch die Herrschaft, sondern bloß Fachkenntnis und entsprechende Beratung; aber in der kapitalistischen Ökonomie nützen solche Fachkenntnisse dieser Ökonomie überhaupt nichts, weil die Regeln, nach denen sie funktioniert, schlecht sind – das eigentliche Problem sind die Regeln nicht die Kenntnisse, also nicht die Komplexität, sondern die Art der Gesetze.

        Es ist also nicht so, dass die Kapitalisten die Ökonomie besser begreifen würden, denn sonst könnten sie das Elend beseitigen – aber das können sie nicht, weil das kapitalistische System, in dem sie und wir alle stecken, dies nicht zulässt. Der Kapitalismus mit menschlichem Antlitz ist eine träumerische Utopie der Liberalen.
        „Das Vorhandensein einer übertriebenen Anzahl nützlicher Dinge endet in der Erschaffung einer übertriebenen Anzahl von unbrauchbaren Menschen.“ (Marx)
        Natürlich ist der Kapitalismus effizienter, aber Effizienz ist nicht das Entscheidende.
        Dass die Staaten, die nicht auf der kapitalistischen Ökonomie beruhen, längst bankrott sind, liegt also nicht daran, dass die Ökonomie ein schwieriges, hochkomplexes Feld ist, das nur die Kapitalisten richtig verstehen, sondern an der kapitalistischen Ausbeutung dieser Staaten und daran, dass der wütende Produktionismus des Kapitalismus, die Produktion um der Produktion willen, alles niedermetzelt, insbesondere auch solche Ökonomien, die sich nicht dem Wachstumswahn verschreiben, sondern denen es um eine gerechte Verteilung geht, um das kommunistische Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“.

        Wenn wir so viele Produkte vergammeln lassen oder wegwerfen und diese letztlich im angehäuften Müll der Massenproduktion verrotten lassen, anstatt den Menschen in der dritten Welt etwas davon kostenfrei abzugeben, damit diese nicht verhungern (und wir sie, anstatt dem Tod zu überantworten, ausbeuten könnten als billige Arbeitskräfte, was wir ja ohnehin schon tun – oder aber, was natürlich noch besser wäre, nicht ausbeuten und den Kapitalismus abschaffen), bevor wir es einfach wegwerfen und keinerlei Profit damit erwirtschaften – da denke ich, ist „Wegwerfgesellschaft“ alles andere als eine abgedroschene Phrase.

        Ich muss mich als Bürger nicht auf irgendeinen Schrott verlassen, den die Regierung verzapft, sondern dafür kämpfen, dass uns keine Regierung mehr auf die Folter spannt, uns beherrscht und entmündigt, intransparent arbeitet und uns für dumm verkauft (teilweise leider, weil so viele es auch wirklich sind und man sie für nichts zu verkaufen braucht), dass wir endlich dieses ökonomische System des Kapitalismus überwinden, dieses sinnlose Elend und die Leere der westlichen Kultur samt aller kommerzialistischen und kapitalistischen Scheiße, die aus dem Kulturkapitalismus hervorquillt, abwerfen, wo uns keine ökonomischen Kenntnisse etwas nützen, weil es ein systematisches Problem ist, quasi ein ontologisches Problem der kapitalistischen Ökonomie, ein Mangel an Sein – ein Mangel, der sich bei der Mehrheit der Weltbevölkerung auch als ein Mangel am Haben ausdrückt -, und kein epistemologisches Problem, kein Wissensdefizit – im Gegenteil, wir wissen zu viel, das Wissen lähmt uns und wir tun dennoch nichts, bleiben schön beim Alten, weil es ja bisher so gut „funktioniert“ hat, weil die Finanzkrisen ja nur vorübergehende Erschütterungen sind und das System als solches überhaupt nicht tangieren (obwohl die Krisen ständig wieder kommen und daher ganz klar ist, dass der Kapitalismus ein krisenhaftes System ist) oder weil es sich dabei bloß um ganz individuelle Fehlentscheidungen/-investitionen handelt, das System aber als solches, wenn wir nicht die Menschen hätten, die wir haben, sondern den homo oeconomicus, das wohl realitätsfernste Element der liberalen Utopie, dann würde der Kapitalismus wunderbar sein, ein Paradies und allen nützen, dann hätten wir den „vollkommenen Markt“, das sich immer wieder herstellende Gleichgewicht usw. usw. Aber das ist nicht der Fall, der Mensch ist nicht so, ist nicht für den Kapitalismus geschaffen. Die Schuld trägt aber natürlich immer das Individuum, das System würde perfekt funktionieren; ja, ja – das ist ähnlich der Logik: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und das soll „gut funktionieren“ oder richtig sein? Das ist schlimmer noch als Biertresenlogik – überhaupt keine Logik! Kurz, systematischer Bullshit, reinste liberale Ideologie.
        Nicht der Kommunismus ist utopisch, sondern der Liberalismus selbst ist es, weil er einen Menschen voraussetzt, den es de facto nicht gibt, weil er ein völlig realitätsfernes Menschenbild hat, weil er, wie man so schön sagt, die „Natur des Menschen“ verleugnet.

        Es ist vollkommen wahr, dass die (kapitalistische) Ökonomie wirtschaftlichen Wohlstand und ein Zugewinn an Lebensqualität sogar für alle bedeuten kann – aber in welchem Verhältnis? Ist es gerecht, wenn die Reichen 20 Mio. mehr bekommen, weil sie sich an fremder Arbeit ergötzen und bereichern, und die vom Kapitalisten enteigneten Armen und Arbeiter vielleicht 1 Cent pro täglich hergestellter Baumwollkleidung? Und die Produkte werden wohlmöglich auch noch teurer, oder es werden mehr Arbeitskräfte für die Luxusproduktion ausgebeutet, um den Finanzadel bei Laune zu halten. Ökonomie macht´s möglich! Steigerung des Lebensstandards, ja! Aber das ist doch wohl ein schlechter Witz! Natürlich ist die Wohlstandssteigerung in der kapitalistischen Produktionsweise geradezu beispiellos – und sie ist zu rühmen für den gewaltigen und immensen technischen Fortschritt, den sie hervorbringt usw., und das macht sie notwendig als historisches Übergangsstadium, das sein Ende erreicht, wenn die gesellschaftlichen Widersprüche, die der Kapitalismus auf stets weiter entwickelter Stufenleiter der Produktion erzeugt, zur extremen Divergenz zwischen den emanzipativen Möglichkeiten und der kapitalistischen Produktionsweise führen. So z.B. die gerechte, planmäßige Verteilung der immensen Menge an Produkten anstatt ihrer Konzentration in den Händen weniger oder in den Mülleimern; oder z.B. beim technischen Fortschritt, der gerade die Möglichkeit zur Verkürzung der Arbeitszeit und Vergrößerung des Reichs der Freiheit, da wo die Arbeit, insbesondere die Lohnsklaverei, aufhört, d.h. die Möglichkeit der Freisetzung freier Zeit beinhaltet; aber die kapitalistische Produktionsweise, die dem Wahn der Produktion als Selbstzweck verfällt, reinvestiert alles in Arbeitszeit oder Kulturkapitalismus; oder auch die Ökonomisierung der Lebenswelt, die Flexibilisierung und letztlich Maschinisierung des Menschen (nicht nur in der unmittelbaren Produktionssphäre, sondern auch im sozialen und kulturellen Bereich). Das Prinzip, das dahinter steht ist Produktivitätssteigerung – das Allheilmittel der kapitalistischen Ökonomie. Aber gerade dies macht die Ausbeutung im großen Stil notwendig; die Ausbeutung ist kein Missbrauch der kapitalistischen Ökonomie, es handelt sich dabei also nicht um eine Schreckensvision, sondern schlicht um eine Tatsache in der kapitalistischen Produktionsweise, um eines ihrer innersten und strukturerhaltenden Gesetze.

        Zitat von Aaron: „Im großen Maßstab können so ganze Volkswirtschaften wechselseitig Wohlstand erwirtschaften, zum Nutzen aller. Mit Nutzen ist nicht die Überschwemmung mit Konsumgütern gemeint, sondern ein Zustand, der es dem Einzelnen gestattet menschenwürdig zu leben, ihm Bildungschancen und medizinische Versorgung ermöglicht. Wirtschaftliche Ausbeutung z.B. der dritten Welt, ist kein ökonomisches Problem, sondern ein politisches.“
        Wow, ich bin beeindruckt; ich sollte gleich nach Afrika fahren, obwohl es mir dort viel zu heiß ist, um das den verhungernden Kindern zu sagen. „Hey schaut mal wie menschwürdig ihr hier lebt, dank der kapitalistischen Ökonomie. Was? Ihr lebt gar nicht menschenwürdig? Oh! Nun gut, dass muss ich mal den Politikern erzählen, was die da für Fehlentscheidungen treffen. Schließlich will die Politik euch scheinbar nicht helfen. Oder ist es doch ein ökonomisches Problem, was denkt ihr?“
        Ich würde mir wünschen, dass die Kinder, wenn sie noch die Kraft dazu haben – und nicht durch den Hunger, welchen die lieben wirtschaftlichen Betriebe nicht stillen dürfen, weil die Politik das sagt, und durch die wundervoll geschwungene Rede ihren Atem und ihre Sprache verloren haben -, denjenigen, der diese Rede schwingt, lauthals auslachen.
        Nein, die Ausbeutung der dritten Welt ist beim besten Willen kein politisches, sondern ganz klar ein strukturelles ökonomisches Problem. Warum? Weil alle politischen Entscheidungen und soziale Hilfeleistungen durch Nichtregierungsinstitutionen bisher nicht sehr viel an der ökonomischen Ausbeutung dort geändert haben. Und weil die Ausbeutung in der Struktur der kapitalistischen Ökonomie selbst begründet liegt: Profit, Mehrwert ist Ausbeutung der Arbeitskraft; auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und die daraus resultierende Erwirtschaftung des Mehrwerts, d.h. der Ausbeutung, darauf beruht die gesamte kapitalistische Produktionsweise. Daraus leitet sich die ganze Logik des Kapitalismus her. Das hat nichts mit Politik zu tun. Ausbeutung ist daher per se ein ökonomisches, kein politisches Phänomen – und darum auch ein immanentes ökonomisches Problem.
        Fakt ist außerdem, dass wir mit Konsumgütern überschwemmt werden; und ich sehe auch in der westlichen Welt keine Möglichkeit eines „menschenwürdigen Lebens“ im („Kultur“-)Kapitalismus, im Gegenteil, das Leben ist derart unmenschlich, durchökonomisiert und auf Zwangsarbeit/Lohnsklaverei beruhend, von ökonomischen Sachzwängen bestimmt, enleert und sinnlos oder religiös-fanatistisch, primitiv, langweilig und völlig ohne jegliche höhere Kultur (alles Kulturelle wird zur Ware herabgesetzt), mittelmäßig und pöbelhaft, konsumistisch und oberflächlich (es ist das Versinken in geistiger Stagnation und die blinde Nachahmung, „weil das ja alle so machen“, Scheinindividualität), usw. usw. …
        Wir leben in der faschistoiden Diktatur des Kapitals. Wir haben das durch das ökonomsiche Anreizsystem bedingte Immer-mehr-haben-wollen, die Unersättlichkeit und Raffgier der Menschen verinnerlicht. Das ökonomische System, das den Menschen kaputt macht. Immer nur Haben statt Sein Übedruss am/und Überfluss (Überflüssigkeit). Wir leben in der durchbrükratisierten, verwalteten Welt – die global organisierte Unmündigkeit. Alles Abweichende und Individuelle wird an seiner persönlichen Entfaltung gehindert, im Keim erstickt, niedergetrampelt, beseitigt, „ausgemerzt“ , zugunsten der Scheiß-Ökonomie, der kapitalistischen Zwangsjacke, welche eigentlich allein, ohne Inhalt, ohne das Individuum, das sie knechtet, in die Irrenanstalt gehört. Oder die Kreativität des Individuums wird schamlos ausgenutzt, entleert und ausgebeutet wie Rohstoffressourcen, kommerzialisiert, das Individuum selbst wird flexibilisiert (der flexible Mensch). Schaut euch all die Volkskrankheiten im Kulturkapitalismus an: Depressionen, Burn-Out, Demenz, … All das, weil die Ökonomisierung das Individuum zerstört. Weil man die Pflanze nicht einfach wachsen lässt oder pflegt, sondern alles mögliche tut, damit es herumwuchert. Exponentielles Wachstum/Zerfall, schaut man in die Natur, in die Biologie, was sieht man: Krebsgeschwüre u.dgl., Krankheit und Zerstörung.
        Die freie Zeit wird ebenfalls durchökonomisiert: Kulturindustrie, Optimierungswahn (Sport, Technik, Chirurgie, usw.), Starkult, …
        Eigentlich versagen wir uns die feinen Genüsse, wir verlieren die Fähigkeit zu genießen. Wir versickern im inneren Tod, in der Leere, alles um uns herum ist nur noch Totes, Ausgeschiedenes, Exkrement.
        „Ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, beginnt unweigerlich dem Tod zu gleichen.“ ((Pfaller)
        Wir verzichten auf all die Genüsse, die wir haben könnten – die Unterdrückung und Verdrängung der Bedürfnisse und Genüsse ist selbst zum Bedürfnis geworden, die Verdrängung selbst ist libidinös besetzt.
        Wir sind gefangen in unserer ästhetischen Schwäche – in der Warenästhetik, dem Warenfetisch und der Verdinglichung, kurz der liberalen Ideologie.
        Man sagt, man hätte Freiheit – aber Freiheit besteht nur unter der Voraussetzung, dass man die richtige Wahl trifft.
        Der Kapitalismus ist eine Religion, ein religiöser Fanatismus, der „Geist geistloser Zustände“, das „Opium des Volkes“ (Marx), von der wir uns möglichst bald verabschieden sollten.
        Im Kapitalismus geht es gerade nicht um das Individuum, sondern um die Erhaltung des ökonomischen und ideologischen Zwangssystems – und nur, wenn es um das Individuum geht, ist ein menschenwürdiges Leben überhaupt denkbar. Das einzelne Individuum ist so viel mehr wert als all die ökonomischen und ideologischen Sachzwänge zusammengenommen.
        „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Adorno)

        „Wir werden uns von vielen der scheinsittlichen Grundsätze lossagen, die uns seit zweihundert Jahren wie ein Alpdruck verfolgt haben, wobei wir einige der abstoßendsten menschlichen Eigenschaften in die Stellung höchster Tugenden emporgehoben haben. Die Liebe zum Geld als Besitz wird als eine jener halb verbrecherischen, halb krankhaften Neigungen erkannt werden, die man mit Schaudern an die Fachleute für geistige Erkrankungen verweist.“ (Keynes)

        Der Kapitalismus wird an seinem eigenen Erfolg zugrunde gehen. Irgendwann prallen die immensen Wachstumsraten der kapitalistischen Ökonomie gegen eine Wand, denn ein unbegrenztes Wachstum ist nicht möglich. In einer Wirtschaft mit geringerem oder ganz ohne Wachstum ist jedoch der Sozialismus/Kommunismus dem Kapitalismus deutlich überlegen.

  5. Ich fühle mich ein wenig verarscht, wenn ich zu einem philosophischen Diskurs eingeladen werde, um mich in einer Betrachtung zur Schwarmintelligenz individuell zu äußern. Schwarmintelligenz ist doch nichts anderes, als Reaktionsmuster auf einen Nenner zu bringen. Dazu braucht´s keine Philosophen, das erforschen die Psychologen! Was das Medium Internet betrifft, existiert meiner Meinung nach keine Schwarmintelligenz, sondern eher das Lockvogelprinzip. Ja, wir Menschen sind aufgrund unserer Instinkte durchaus zu manipulieren : Na und jetzt?

    Ökonomie interessiert grundsätzlich niemanden – außer im ganz kleinen Bereich, in der Familie – das auch nur zur Kontrolle. Ökonomie ist kein übergeordneter Begriff, den wir alle allzu gut kennen – im Gegenteil, Ökonomie ist ein Begriff, den wir Menschen eigentlich als belehrend und eingrenzend empfinden. Heißt ja auch, so weit ich gerade gegoogelt habe “ Haus/Regeln“. Na, wer will sich schon nach Regeln richten wollen?
    Natürlich folgt die Schwarmintelligenz, die ihr untersucht, durchaus ökonomischen Grundsätzen – aber diese werden immer wieder individuell artikuliert. Wenn ich morgen im Lotto gewinne und mir einen Ferrari kaufe, scheiße ich auf Ökonomie! Und da ich philosophisch die eine Aussage liebe : Erkenne dich selbst!
    Mag ich besonders den Unterschied zwischen hyperintelligenten Computern von Menschen geschaffen und Emotionalität. Ein Mensch ist nicht berechenbar – gut so. Womöglich würde ich mir auch keinen Ferrari kaufen und Schuldgefühle bedienen……Keine Ahnung…..Ja, keine Ahnung…..Finde ich aber witzig, wie ihr Programme füttert, um menschliche Muster zu erkennen…..
    Es gibt da keine allgemein gültige Muster, da könnt ihr studieren, wie ihr wollt!
    Und Ökonomie interessiert keine Sau! Ganz ehrlich…..Nur Menschen, die ganz selbständig meinen, sie hätten Macht über Ökonomie, nutzen diese. Ökonomie ist kein Ausdruck, der im positiven Bereich dümpelt – hört sich nur so an – das ist von ganz schlauen Leuten so angelegt! Welt retten und so! Jute statt Plastik! Bullshit!
    Das sind Träumer. Und du würdest doch auch gern Macht haben …..oder nicht? Dann fänd ich dich witzig, du bist ja gut zu manipulieren……

    • Wenn du morgen früh im Lotto gewinnst und dir einen Ferrari kaufst, dann scheißt du nicht auf Ökonomie, sondern steckst mitten in der Ökonomie drinnen, ja erfüllst sogar die besten ökonomischen Klischees: viel Geld und gleich in Luxus investieren – das ist „Kultur-„Kapitalismus in reinster Form.
      Und, so uninteressant ist die Ökonomie dann doch nicht?

      Das Schlimme ist, dass, wenn man ein bisschen Menschenkenntnis hat, die Menschen leider viel zu berechenbar sind, Emotionalität hin oder her – oder meistens sind es gerade die Emotionen, die jemanden so berechenbar machen.

      Macht haben? Vielleicht. Aber nicht um jeden Preis. Also ist man auch deswegen nicht manipulierbar.

      Vielleicht ist man ein Träumer, wenn man etwas verändern will, obwohl sich, wenn man sich mal umschaut in der Welt, durchaus Dinge bewegen können – man hat da ja in der Geschichte schon sehr viel erlebt – aber wer angesichts der heutigen Verhältnisse nichts ändern will, ist, denke ich, ein Verbrecher oder zumindest ein schlechter Mensch.

      „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“ (Erich Fried)

    • Hi Marie!
      Bei „Schwarmintelligenz“ als Vorbild für menschliches Verhalten fühle auch ich mich verarscht. Im Schwarm geht es um die Erhaltung des Ganzen, das Individuum spielt keine Rolle. Dass derzeit die „Schwarmintelligenz“ so hoch gehandelt wird, hängt damit zusammen, dass wir im Fernsehen zu viele dumme Tierfilme sehen. Diese suggerieren, wir bräuchten nur die emotionale Intelligenz der Tiere, dann würde unsere Welt besser werden. Das ist in der Tat bullshit.

      Dass (wir) Philosophen sich trotzdem mit solchen Fragen beschäftigen, hat folgenden Grund. Das Leben ist nicht berechenbar, jedenfalls was unser persönliches Schicksal betrifft. Es gibt aber Konstanten im Verhalten, ohne die unser Leben im Chaos enden würde. Die Konstanten werden uns durch unser System der Bedürfnisse vorgegeben, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern gleich sind. Der Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, und unsere Aufgabe besteht darin, Grundregeln zu finden, die es uns erlauben, ein gutes Leben im Einklang mit unseren Bedürnissen, den körperlichen wie den geistigen, zu führen. Eine Regel beispielsweise, an die ich mich halten versuche (was mir leider nicht immer gelingt), lautet: „Verletze dein Gegenüber nicht mehr als unbedingt nötig“! Kannst Du damit leben?

    • Hallo Marie,

      vielen Dank für Deinen Beitrag. Es geht uns in unserem Experiment nicht so sehr darum, Muster zu erkennen, sondern darum, zu sehen, was eine oft gepriesene, oft gescholtene Schwarmintelligenz in einem philosophischen Diskurs leisten kann. Hierbei ist jeder Beitrag für sich ein wichtiger Teil der Gesamtdiskussion.

      Freundliche Grüße
      Dominik Hammer

      • Ich weiß auch nicht, warum ich hier auf der Seite gelandet bin, aber nun ist es passiert! Womöglich finde ich euch Philosophen toll, wie ihr mit Worten, ganz komplizierten Worten! Sachverhalte ad absurdum führen wollt. Mittlerweile glaube ich, dass ein Philosophiestudium anstrengender ist, als Astrophysik – aber nur, weil die Physiker immer noch Hoffnung haben, es gäbe vielleicht doch ein Ende im Universum. Und die Philosophen finden es ganz toll, dass das Denken unbeschränkt ist. Letztlich entscheidet aber das Universum – nämlich maßgeblich nicht!
        Ich meine, Schwarmintelligenz ist nicht statisch, sondern abhängig von der Intelligenz einzelner, durchaus manipulativer Menschen. Jede Entscheidung zählt. Ob gut oder schlecht. Schwarmintelligenz lässt sich auch nicht durch Philosophiestudenten ermitteln – die sind in einem außergewöhnlichen Denkprozess gefangen. Ich würde Philosophie durchaus in der Nähe von Kunst ansiedeln…..

        Ich habe übrigens einen Hund. Alle Hunde in meiner Gegend jaulen wie blöde unisono, wenn ein Polizeiauto mit Sirene hier entlang fährt. Mein Hund nicht! Da ich ihn nicht fragen kann, warum er sich nicht anschließt, kann ich nur sagen, dass mein Hund in diesem Punkt nicht repräsentativ zu beurteilen ist. Ich glaube aber, mein Hund ist intelligent! Der hat nämlich verinnerlicht, dass ich, als sein Frauchen, nicht beunruhigt bin, wenn so ein Krach hier vonstatten geht! Die anderen Hunde sind auch intelligent, die jammern, weil die gelernt haben, dass ihre Futtergeber bei Martinshorn nervös werden. Jetzt frage ich mich: Ist Verhalten also grundsätzlich als intelligent zu bewerten? Ich glaube, euch interessiert das auch nicht, weil das banale Fragen sind, die ihr schon philosophisch ( mit Hilfe der Psychologen) abgehakt habt.

        Ich frage mich immer noch: Was soll das mit der Schwarmintelligenz? Haben „anerkannte“ Philosophen damals auch Experimente gemacht? Die haben gelitten, sich selbst zerfleischt und sich am Ende womöglich umgebracht…Wenn die gewusst hätten, dass man alles auf einen Nenner reduzieren kann und will – hätten die aufgehört zu denken!!!! Nein – vorher hätten die aufgehört zu leben!!!

        Ach?! Was war zuerst da? Das Denken – oder das Leben? Bevor ich das nicht weiß, halte ich Schwarmintelligenz für eine Marktetinglüge!

  6. Ökonomie ist nicht nur lebensdienlich, sie ist lebensnotwendig. Das gilt jedenfalls für die körperlichen Bedürfnisse, fürs „Fressen“. Zumal wenn demnächst zehn Milliarden Menschen auf der Erde überleben wollen. Anders verhält es sich mit den geistigen Bedürfnissen. Dafür bedarf es keiner Ökonomie der Sparsamkeit und der Berechnung. Hier greift die Ökonomie der Verschwendung, wie sie Georges Bataille vorschwebte: Je mehr man ausgibt, desto mehr hat man. Zerstörerische Verschwendung, in der Lebenstrieb und geistiger Hunger sich überschneiden. Das ist der Kern meiner Philosophie der Lebenskunst, deren Regeln ganz privat sind. Von „Schwarmintelligenz“ keine Spur. Oder vielleicht doch?

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