InDebate: Ein Plädoyer für eine nicht-anthropozentrische Philosophie

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Iwona Janicka

In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren ist eine bedeutsame Verschiebung in der Philosophie zu beobachten, in der unsere Beziehung zur Außenwelt radikal überdacht wird. Ein neuer Begriff „Neo-Materialismus“ oder „Neuer Materialismus“ wurde ins Leben gerufen, um diese philosophische Verschiebung in Richtung Materie oder so genannten „non-humans“ (der Umwelt, der Tiere, der Pflanzen, der Technologie, der künstlichen Intelligenz, der Maschinen) zu bezeichnen. Philosophen und Geisteswissenschaftler wie zum Beispiel Donna Haraway, Manuel De Landa, Karen Barad, Rosi Bradotti, Jane Bennett, Bill Brown, Bruno Latour sind einige der wichtigsten Denker, die die zentrale Stellung menschlicher Wesen in der Philosophie des Abendlandes problematisieren. Warum ist diese Problematisierung wichtig und warum findet sie jetzt statt?

Das Problem, auf das die Neo-Materialisten uns aufmerksam machen wollen (um das Ganze auf einen Punkt zu reduzieren), ist das Problem der Ausschließung. Zwar stellte der Humanismus der Aufklärung eine emanzipatorische Kraft dar, doch war er äußerst selektiv im Bezug auf die Objekte seiner Emanzipation. Die ausgeschlossenen Anderen – zum Beispiel Frauen und Sklaven – versuchten im Laufe der Geschichte immer wieder die Kriterien dessen, „wer als Mensch gilt“, zu hinterfragen. Sie strebten danach, als Menschen anerkannt und damit ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu werden. Aus der Perspektive der Ausgeschlossenen betrachtet, scheint die Kategorie „Mensch“ höchst regulativ zu sein. Oft designierte sie ausschließlich einen Mann des Abendlandes, der dem Idealbild eines vitruvianischen Mannes ähnelte: männlich, weiß, jung, schön, leistungsfähig. Daher unterstützte diese Kategorie Mensch die Diskriminierungs- und Ausschließungsverfahren. Diese tatsächliche Einschränkung der Kategorie Mensch liegt dem Neuen Materialismus teils zugrunde.

Ein weiterer Problemzusammenhang betrifft unsere Lage in der heutigen Welt und zwei damit verbundene zentrale Faktoren: Technologie und Natur. Das sich Verlassen auf die Technologie ist unumstritten, doch die Philosophie hat die Beziehung Mensch – Technologie bisher nicht zur Genüge berücksichtigt. Genauso ungenügend behandelte sie unsere Beziehung zu Natur und Umwelt (zu Luft, Wasser, Pflanzen und Tieren) und, nicht zuletzt, die drohende, gewaltige ökologische Krise. Die Neo-Materialisten verschieben den Fokus auf jene „non-humans“, um philosophisch mit der zeitgenössischen Welt Schritt halten und diese Welt besser verstehen zu können.

Die Neo-Materialisten versuchen diesen Perspektivwechsel auf sehr verschiedene Arten zu realisieren. Sie greifen auf die philosophischen Schriften von Gilles Deleuze, Baruch Spinoza oder Gilbert Simondon zurück, integrieren naturwissenschaftliche Erkenntnisse in das philosophische Denken und erwägen die neuesten technologischen Entwicklungen sowie deren Wirkung auf die Beziehung zwischen Menschen und Welt.

In der deutschsprachigen Philosophie gibt es eine Figur, deren philosophisches System das Potential birgt, neo-materialistisches Denken produktiv weiterzuentwickeln. Peter Sloterdijk, kein selbsterklärter Neo-Materialist und ein vor allem in Deutschland umstrittener Philosoph, veröffentlichte vor einer Dekade den letzten Band seiner Trilogie Sphären. Sloterdijks Philosophie, die vorwiegend gemeine, sich für unorthodoxes Denken begeisternde Leser rezipieren, führt in den akademischen Geisteswissenschaften in Deutschland nicht nur ein Schattendasein, sondern wird rundheraus abgelehnt. Die erwähnte Trilogie Sloterdijks könnte jedoch für die sich etablierende neo-materialistische Strömung von erheblicher Bedeutung werden, denn Sloterdijk setzt ein äußerst spannendes konzeptuelles Axiom. Ich nenne hier die drei wichtigsten Aspekte dieses Axioms für das neo-materialistische Denken.

Erstens, wenn Sloterdijk an den Menschen denkt, betrachtet er als Beginn jeder menschlichen Entwicklung den Moment der Zeugung und nicht jenen der Geburt. Wir beginnen unsere Existenz damit, dass wir einen anderen Menschen bewohnen und mit ihm eine Nahbeziehung haben. Damit konzeptualisiert Sloterdijk den Menschen als ein von Anfang an mit dem anderen Menschen verbundenes Wesen, also als ein immer schon soziales Wesen, das vollkommen abhängig von anderen Menschen und äußeren Bedingungen ist. Zweitens wird die Beziehung Luft – Mensch thematisiert. Wenn der Mensch einmal geboren ist, dann ist sein erster Partner im Leben die Luft, ohne die er nicht überleben kann. Sloterdijk bezieht diese Tatsache in sein philosophisches Bild des Menschen ein. Dadurch hebt er die Frage nach der Umwelt auf die Ebene des philosophischen Diskurses. Drittens erkennt Sloterdijk in seiner Philosophie die Technologie als einen lebensnotwendigen Aspekt an. Es werden nicht nur Architektur oder medizinische Behandlungen in Betracht gezogen, sondern auch Computer oder MP3-Player. Technologie wird bei Sloterdijk als eine Art der notwendigen Immunologisierung betrachtet. Sloterdijk stellt eine treffende Diagnose im Bezug auf die Lage des Menschen in der heutigen Welt, indem er der Technologie einen zentralen Platz einräumt.

Gegen die genannten Aspekte ließe sich einwenden, dass alle diese Sloterdijkischen Verschiebungen, die ich für den Neo-Materialismus gewinnen möchte, um den Menschen gruppiert sind. Dieser Einwand ist zum Teil richtig. Allerdings wird der Fokus im Nachgang vom Menschen auf die „non-humans“ gerichtet. Richtungsweisend an den Sphären ist, dass durch die nun endlich vorliegende philosophische Konzeption von Luft und Technologie als unabdingbare Teile des zeitgenössischen Menschen ein Erklärungsvorschlag für unsere Lage im 21. Jahrhundert geboten wird. Man kann mit Sloterdijks Thesen übereinstimmen oder sie bestreiten, aber der Versuch, ein neues Metanarrativ nach der Postmoderne in den Raum zu stellen, ist unabhängig von Akzeptanz oder Ablehnung belangvoll und bemerkenswert.

Die englischsprachige Welt wartet immer noch auf die Übersetzung des letzten Bandes von Sphären. Wenn dies einmal passiert, wird Sloterdijk zweifellos zu einem der meist diskutierten zeitgenössischen Philosophen in der internationalen akademischen Welt gehören. Über diesem Umweg gefiltert wird er dann vielleicht auch in den deutschen Geisteswissenschaften gelesen und diskutiert werden. Nemo propheta in patria sua.

(c) Iwona Janicka

Dr. Iwona Janicka ist British Academy Postdoctoral Fellow, French Studies, an der University of Warwick, UK,und Fellow am FIPH.

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2 Gedanken zu “InDebate: Ein Plädoyer für eine nicht-anthropozentrische Philosophie

  1. Drückt sich in einem sich um die nichtmenschlichen Lebewesen sorgenden Neo-Materialismus nicht ein Anthropozentrismus um der Anderen willen aus?

    • Vielen Dank für Ihre Frage. Zum einen ließe sich Neo-Materialismus (NM) interpretieren als „bessere“ (d.h. effizientere, klügere, modernere etc.) Version des Anthropozentrismus; eine philosophische Strömung, die uns Menschen am Leben erhalten will, da wir kurz vor der ökologischen Katastrophe stehen. Aus dieser Perspektive betrachtet, könnte man fast sagen, dass NM so ein durch den Selbsterhaltungstrieb kreierter Anthropozentrismus 2.0 ist.

      Andererseits, muss man konstatieren, dass es eine Reihe minimaler Annahmen und theoretischer Beschränkungen gibt, mit denen die NMisten arbeiten müssen, da an ihnen kein Weg vorbeiführt. Das heißt: Wir – die dieses Überdenken unternehmen – sind Menschen und wir haben keinen direkten Zugang zu dem, was in der Welt der Nonhumans vor sich geht. Wir können nur Interpreten sein und unsere Interpretation werden naturgemäß sehr subjektiv sein*.

      Diese impliziten Beschränkungen anerkennend, ergeben sich für die NM die folgenden Fragen: Was ist der Ort des Menschen auf dem Planeten („wo sind wir?“)? Wie lässt sich die Beziehung des Menschen zur Umwelt neu konzeptualisieren? Da wir unseren Ausguck auf die Welt nicht verlassen können (wer spricht hier? Wer denkt hier? Ich, ein Mensch), ist das Ziel den Menschen so nah wie möglich zur Umwelt zurückzubringen und ihn nicht als den radikal Anderen zu denken.

      Dank dem alten Unterschied zwischen Mensch und Tier, Subjekt und Objekt wurde der Mensch in der Geschichte der Philosophie als Herr etabliert – separat, asozial, unabhängig, respektlos mit den anderen Entitäten umgehend. Diese Herrschaftsposition will man meines Erachtens im NM dekonstruieren. Wenn man dieses Umdenken nicht radikaler machen kann – wegen des unumgänglichen Anthropozentrismus des Sichtpunkts – als es die NMen bereits durchführen, stellt sich die Frage nach Alternativen. Für die NM steht außer Frage, dass unser Umgehen mit den „nonhumans“ höchst problematisch ist. Ich würde allerdings nicht soweit gehen zu behaupten, Ausgangspunkt des NM wäre der pure Selbsterhaltungstrieb. Ich stimme mit Ihnen aber überein, dass die Frage nach der Bedeutung von Anthropozentrismus in diesem Kontext und was er impliziert eine sehr wichtige ist, die es ausführlich zu erörtern gilt.

      * die Naturwissenschaftler/innen könnten hier natürlich Einiges einwenden, aber das ist eine andere Debatte.

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