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Nacktbilder, Zigaretten und das Bedürfnis nach Authentizität

Veröffentlicht am 15. September 2014

Vor kurzem kursierte in den Zeitungen die Meldung, dass mehrere Nacktfotos von Prominenten aus deren „Clouds“ gestohlen und im Internet veröffentlicht wurden. Den besonderen Reiz schien bei diesen Bildern nicht nur auszumachen, dass es sich um Celebreties handelte, er lag wohl auch darin, dass diese Bilder gegen den Willen der betreffenden Personen veröffentlicht wurden. Und dass sie die Stars privat, ohne jegliche Form öffentlicher Inszenierung zeigen.

Der Voyeurismus, der durch solche Bilder bedient wird, ist die perverse, enthemmte Seite eines gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisses, dass nicht erst seit der Entwicklung moderner Informationstechnologie besteht. Es ist das Bedürfnis nach Echtheit, Authentizität, mit dem schrumpelige, weil naturbelassene Bioäpfel genauso vermarktet werden wie Zigaretten (siehe Bild), oder eben private Fotos, die gegen den Willen der Fotografierten veröffentlicht werden.

Während das Interesse daran, nicht belogen zu werden und keiner Falschheit aufzusitzen, durchaus verständlich ist, scheint es doch, dass die Menschen von sich und anderen ein Übermaß an Echtheit und Ehrlichkeit einfordern. Hinter dem Drang nach (Selbst-)bekenntnis steckt ein Unbehagen mit dem Artifiziellen, Künstlichen und Raffinierten der Moderne. Wer etwas „echtes“ essen will, bekennt sich kulinarisch zum Leberkäs oder zur Bockwurst, sicher nicht zum Feinschmecker-Diner. Und wer Echtheit und Wahrhaftigkeit einfordert, oder für sich reklamiert, lässt wenig Platz für Small-Talk, Floskeln, aber auch für den Respekt und die Rücksichtnahme, die Umgangsformen ausmachen. Zwischen Echtheit und Trampelhaftigkeit verläuft eine dünne Trennlinie. Und dadurch, dass die Transparenzgesellschaft, wie Byung-Chul Han sie nennt, das Geheimnis verkümmern lässt, zerstört sie zugleich die Grundlagen für Rücksicht, nämlich die Distanz. Die herbeigesehnte Authentizität ist jedoch eine Illusion, die zu keiner Zeit das gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Zusammenleben prägte. Jeder Mensch schlüpft gezwungenermaßen in Rollen und verhält sich in unterschiedlichen Kontexten so, wie diese es erfordern. Diese banale soziologische Erkenntnis gilt seit seit dem Beginn menschlicher Existenz auf dem Planeten. Den ganzen, wahrhaftigen Menschen findet man in keiner dieser Rollen wieder.

Dort, wo sich Menschen auf die Suche, konkret auf den Selbstfindungstrip machen, sollte man sie warnen. Denn vielleicht gefällt ihnen der den sie finden nicht. Die Gesellschaft korrumpiert, anders als Rousseau meinte, nicht das von sich aus gute Individuum, sie fordert es zur Anpassung an geltende Normen auf. Während Rousseau aber eben nicht zurück zur Natur wollte, sondern die Ketten in denen der Mensch lag zu rechtfertigen suchte, möchten heute viele einen einfacheren Weg gehen und den Balast zivilisierten Umgangs abwerfen. Dabei ist freilich niemand ganz konsequent. Doch unter anderem in der Ablehnung von Geheimnis und Verstellung kündigt sich besagter Rückzug an. Und dieser führt in die falsche Richtung.

Statt einer sowieso nicht existierenden Echtheit wäre eine angenehmere Künstlichkeit wünschenswert.

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