Pro und Contra: Brauchen wir Heroen?

pro: Herfried Münkler


Wenn von Helden die Rede ist, wird gerne der selbst wenig heldenhafte Brecht zitiert: Als bekannt wird, dass Galilei sich den Forderungen der päpstlichen Kurie gebeugt und widerrufen hat, ruft der enttäuschte Andrea aus: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Galilei selbst akzentuiert sein Entscheidungsdilemma etwas anders: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Diese Feststellung wird gerne zitiert, wenn man etwas gegen das Erfordernis von Helden sagen will. Aber so ist sie eigentlich nicht zu verstehen. Gegen Andrea besteht Galilei darauf, dass das Unglück eines Landes nicht im Fehlen, sondern im Erfordernis von Helden liegt. Doch das Unglück, auf Helden angewiesen zu sein, lässt sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man der Bewältigung schwieriger Konstellationen die Helden verweigert. Keiner hat das besser gewusst als Brecht. Freilich hat er auch gewusst, dass er selber zum Helden nicht taugte. Deswegen hat er sich mit Galilei identifiziert. Politische Konstellationen und Herausforderungen folgen nicht unbedingt den Imperativen der Glücksgarantie für ein bestimmtes Land. Man muss gerüstet sein, auch weniger glückliche Konstellationen bewältigen zu können – und dafür braucht man mitunter Helden. Helden sind also zu definieren als die Unglücksbewältigungsreserve eines Landes. Man muss sich mit ihnen nicht brüsten oder gar gegenüber Anderen hervortun. Aber man ist gut dran, wenn man in Situationen, wo es der Helden bedarf, auf diese zurückgreifen kann.

In der Vergangenheit ist das Bild des Helden vor allem durch das Kriegsgeschehen geprägt worden. Aber das ist keineswegs zwingend. In Brechts „Galileo Galilei“ geht es in dem Disput über Unglück und Heldentum bekanntlich nicht um Kriegsruhm und Schlachtenlärm, sondern um Mut und Leidensbereitschaft, die hier mit dem Eintreten für die Wahrheit verbunden sind. Unglücklich das Land, in dem es Mut und Leidensbereitschaft braucht, um für die Wahrheit oder ethische Werte einzutreten. Aber dieses Unglück wird nicht durch den Verzicht auf Heldentum, sondern durch dessen massenhaftes Auftreten überwunden. Nach der friedlichen Revolution in der DDR war von der „Heldenstadt“ Leipzig die Rede, weil die Menschen dort bei den Montagsdemonstrationen die Angst überwunden hatten, die ihnen vom Regime eingebleut worden war. Und weil das nicht nur ein paar Wenige, sondern Viele und schließlich immer mehr taten, ist es ihnen gelungen, das Regime ohne Gewaltanwendung zu Fall zu bringen. Das Glück der Selbstbefreiung wäre ohne den Mut und die Leidensbereitschaft dieser Menschen nicht eingetreten.

Heldentum ist eine außergewöhnliche Disposition, und sie soll auch nicht alltäglich werden. Alltäglich ist der Austausch von Äquivalenten, bei dem die Tauschenden ihren jeweiligen Vorteil im Auge haben. Heldentum dagegen beruht nicht auf Tausch-, sondern auf Opferbereitschaft, insofern hier mit dem eigenen Leben etwas eingesetzt wird, wofür es kein Äquivalent gibt. Heldentum ist die Bereitschaft, etwas einzusetzen, das buchstäblich unbezahlbar ist. Dies kann auch in Situationen erforderlich sein, in denen das Leben Einzelner oder Mehrerer in großer Gefahr ist. Glücklich das Land, das in solchen Situationen auf die Bereitschaft Einzelner zum Heldentum bauen kann.

Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Humboldt Universität zu Berlin.

contra: Franziska Martinsen

Die mediale Inszenierung von Politik und Ökonomie scheint auf Helden nicht verzichten zu können. Was aber macht Heroen so attraktiv, dass sie immer wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt werden, in die sie von Aufklärung, Liberalisierung und Gleichberechtigung verbannt worden waren? Der Mythos des Helden speist sich aus seinen herausragenden, nicht-alltäglichen, „titanischen“ Taten. Im Kern besteht seine Rolle in der mutigen Opferbereitschaft für das Kollektiv. Welches Opfer jedoch sollte eine moderne demokratische Gesellschaft von Helden verlangen können, das „wir“ tatsächlich bräuchten?

Das Problematische am Opfergedanken ist nicht nur sein Hang zur Märtyreridee, die eine merkwürdige Teilung der Gesellschaft in eine ruhmreiche und ehrwürdige Elite und eine mittelmäßige Masse zur Folge hat. Selbst Wendungen wie „stille Helden“, „Helden der Arbeit“ oder gar „Helden der Liebe“ können die dem Opfergedanken inhärente, unheilvolle Dichotomie, durch die die einen zu Aktionismus, die anderen zu Anbetung verurteilt werden, nicht aufbrechen. Es ist ein Irrglaube, dass Helden durch ihre außergewöhnlichen Handlungen erst heroisiert würden. Genau anders herum verhält es sich – und darin liegt eine Gefahr des Opfergedankens für die Demokratie: dass Wert und Berechtigung eines (vermeintlichen) Opfers durch Tat und Aura des Helden verschleiert und der kritischen Reflexion entzogen werden. Gewinnertypen müssen sich nicht rechtfertigen. Und Heroen sind nun einmal per definitionem keine Verlierer. Diese Heldenlogik, die sich nicht zuletzt auch nach wie vor in für das Geschlechterverhältnis blamablen Stereotypen niederschlägt, verträgt sich nicht mit den Gleichheits- und Partizipationspostulaten moderner Demokratien. Für sie muss sich kein Mensch „opfern“! Die demokratische Gesellschaft – vorausgesetzt, sie kommt mit der Pluralität ihrer Mitglieder zurecht und affirmiert diese eventuell um ihrer selbst willen – verlangt nicht nach der Exklusivität einer Heldenkaste, die von „den anderen“ vergöttert wird. Die demokratische Gesellschaft sollte sich um die Inklusion aller, und zwar in ihrer jeweiligen Besonderheit, bemühen. Das mag zwar wenig glamourös klingen, muss aber nicht unspannend sein: Der Umgang mit Besonderheiten von Individuen und Gruppen kann sich mitunter via Streit, Dissens, ja, durchaus in Kämpfen ausdrücken. Entscheidend ist dabei, dass diese Auseinandersetzungen weder von Siegertypen dominiert noch durch deren glorreiche Taten – und damit „von oben“ – legitimiert werden müssen, um als wert- und verdienstvoll zu gelten.

Heldenskepsis zieht immer den Verdacht des Neids auf sich. Das mag Richard Rortys Auffassung, dass die Demokratie eher fade und unheroische Charaktere hervorbringe, geschuldet sein. Jedoch hat er sicherlich Recht damit, dass dieser Preis letztlich angemessen für die politische Freiheit innerhalb liberaler Demokratien ist. Was wir also vielmehr brauchen, sind Rebellen des Alltags, egal ob heroischen oder durchschnittlichen Charakters. Menschen, die sich immer wieder einmischen in politische und gesellschaftliche Prozesse, weil sie sich bewusst darüber sind, dass demokratische Freiheit keine Kampftrophäe ist, sondern in unzähligen und vielerorts unspektakulären Aktionen stets aufs Neue zu erringen und zu bewahren ist.

Franziska Martinsen ist Doktorin der Philosophie und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Leibniz Universität Hannover.

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Ein Gedanke zu „Pro und Contra: Brauchen wir Heroen?

  1. Helden wider die Beschleunigung

    „Die Gesellschaft ist ruhig, aber nicht etwa, weil sie sich ihrer Kraft und ihres Wohlstandes bewußt ist, sondern weil sie sich im Gegenteil für kraftlos und hinfällig hält; sie hat Angst, bei der leisesten Anstrengung zugrunde zu gehen: Jeder fühlt das Übel, aber keiner findet den Mut und die Tatkraft, die nötig sind, um die Lage zu bessern.“ Kaum ein anderes Zitat beschreibt so deutlich das Scheitern des »Projekts der Moderne« wie jener Satz aus Tocqueville‘s Demokratieanalyse, dem wir uns heute ausgesetzt sehen.
    Hartmut Rosa hat gezeigt, woran die moderne Gesellschaft und die Demokratie darben: soziale Beschleunigung und dem damit verbundenen Resonanzdefizit. Hervorgerufen wird die soziale Beschleunigung durch technischen Fortschritt (beschleunigte Kommunikation, Fortbewegung, usw.), die Beschleunigung des sozialen Wandels (Instabilität der sozialen Strukturen, Verzeitlichung der Zeit) sowie die Beschleunigung des Lebenstempos – dadurch erfahren die Individuen zunehmend eine Ohnmacht bezüglich der Selbstgestaltung ihres eigenen Lebens. Aufgrund ihrer nunmehr situativen Identität leiden sie zunehmend unter Resonanzdefiziten (auch hinsichtlich der politischen Entscheidungsebenen).
    „Ein Held entspricht normalerweise der Definition dessen, was in der jeweiligen Kultur als vortrefflich gilt.“ Als vortrefflich gilt in der Leistungsgesellschaft das »Können« – wir aber brauchen Helden, die, um mit Han zu sprechen, das »Nicht-Können können«, die sich der Beschleunigung verweigern. Was sie damit opfern, ist allein die Chance, in der Optionenflut zur richtigen Zeit die richtige Option zu wählen. Sie rutschen nicht die „slippery slopes“ hinunter, weil sie nicht versuchen, sie zu erklimmen; sie stehen fest an dem von ihnen gewählten Punkt und erhalten sich so ihre eigene Identität: die Heldentat ist hier schlicht eine eigenste, aber vor allem eine bewusste Entscheidung.

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